Mann am Hygienespender

Wie Händehygieneverhalten
erfasst und gemessen wird

Bei der Prävention nosokomialer Infektionen werden Händehygiene und -Compliance groß geschrieben. Erfahren Sie hier mehr über die Übersichtsarbeit von Diefenbacher et al., die sich mit den häufigsten Messmethoden beschäftigt haben.

von  der HARTMANN Online-Redaktion

Bei der Prävention nosokomialer Infektionen werden Händehygiene und -Compliance groß geschrieben. Oft ist jedoch auch von Händehygieneverhalten und -häufigkeit die Rede. Wo liegt eigentlich der Unterschied und wie können diese verschiedenen Werte verlässlich bestimmt werden? In ihrer Übersichtsarbeit beschäftigten sich Diefenbacher et al. mit den häufigsten Messmethoden.

Die wichtigsten Begriffe auf einen Blick:

Händehygieneverhalten
Das Händehygieneverhalten umfasst alle Maßnahmen der Händehygiene – also Händewaschen, hygienische und chirurgische Händedesinfektion. Für die Infektionsprävention ist und bleibt die Händedesinfektion von zentraler Bedeutung.
Händehygienetechnik
Auch wie die Händehygiene durchgeführt wird, ist ein relevanter Aspekt. Zur Händehygienetechnik gehören neben der Abfolge der einzelnen Schritte auch die Produktart und -menge.
Händehygiene-Compliance
Findet das Händehygieneverhalten unter der Befolgung der Richtlinien statt, spricht man von Händehygiene-Compliance. Zentral ist hierbei, nicht nur die richtige Maßnahme und die korrekte Technik anzuwenden. Besonders der Moment, bei dem die Händedesinfektion indiziert ist, spielt eine zentrale Rolle bei der Compliance. 
Händehygienehäufigkeit
Wie oft die Händehygiene durchgeführt wird, lässt sich einfacher als die Händehygiene-Compliance messen. Es handelt sich allerdings nur um eine Annäherung an die Messung der Compliance, da hierbei Technik und Indikation außer Acht gelassen werden. 
Reaktivität
Reaktivität (Beobachter-Effekt): Beeinflusst die Messmethode das Verhalten der Mitarbeiter, handelt es sich um einen Reaktivitätseffekt. Man spricht auch vom „Hawthorne-Effekt“ oder „observation bias“.

Methoden im Vergleich:

Die Händehygiene und die Compliance lassen sich mit verschiedenen Verfahren näher untersuchen. Jede Methode beleuchtet unterschiedliche Aspekte und weist spezifische Vor- und Nachteile auf. 

Messung des Verbrauchs:

Mann am Bildschirm

Den Verbrauch von Hände-Desinfektionsmittel zu bestimmen, ist eines der einfachsten Verfahren, um Rückschlüsse auf die Händehygiene zu ermöglichen. Hierbei wird regelmäßig der Produktverbrauch erfasst. Anhand dieser Menge wird näherungsweise die Anzahl der Händehygieneaktivitäten ermittelt.

 
Vorteile:
  • einfaches Verfahren
  • einfache Auswertung
  • anonyme Daten
  • geringe Reaktivität

Nachteile:

  • Exakte Inventur nötig
  • Händehygieneverhalten ist nur näherungsweise bestimmbar
  • bezieht nicht die Indikationen mit ein

Selbstbericht:

Hierbei schätzen Probanden ihr Händehygieneverhalten über den Verlauf einer bestimmten Zeit ein. Dies kann entweder allgemein erfolgen, oder aber anhand einer Art Tagebuch (Day Reconstruction Method).

Vorteile:

  • Berücksichtigt Indikation und Technik
  • individuelle Datenerhebung
  • geringer Implementierungsaufwand

Nachteile:

  • Erinnerungsverzerrung
  • Reaktivität

Automatisierte Verfahren:

a) Elektronisches Zählen
Ein Händedesinfektionsmittel-Spender, der mit einem elektronischen Zähler ausgestattet ist, dokumentiert automatisch jede Produktentnahme.

Vorteile:

  • Einfache Implementierung
  • simple Datenauswertung
  • geringe Reaktivität

Nachteile:

  • Nicht-individuelle Daten
  • Händehygieneverhalten ist nur näherungsweise bestimmbar
  • bezieht nicht die Indikationen mit ein

b) Compliance Monitoring Systeme (CMS)
CMS dokumentieren nicht nur Händehygieneaktivitäten. Bewegungsmelder oder komplexere Trackingsysteme registrieren zusätzlich die Bewegungen der Mitarbeiter und erfassen so bestimmte Indikationen, die dann mit den Daten des Händehygieneverhaltens zusammengeführt werden.

Vorteile:

  • Geringe Reaktivität Erfassung von Händehygieneverhalten und Indikation

Nachteile:

  • Komplexer und teurer als automatische Zählverfahren anfällig für systematische Fehler bei der Detektion von Indikationen

Beobachtung:

a) Direkte Beobachtung
Bei dieser Methode zeichnet ein Beobachter das Handehygieneverhalten eines Mitarbeiters auf. Die Daten können mit Beobachtungsbögen oder mit Hilfe eines mobilen Endgeräts (z. B. Tablet) aufgezeichnet werden. Die direkte Beobachtung kann offen oder direkt erfolgen und von verschiedenen Personengruppen durchgeführt werden (externe Beobachter, stationsfremde Mitarbeiter, Teammitglieder anderer Berufsgruppen – wie z. B. Hygienefachkräfte)

Vorteile:

  • Bildet Händehygiene- Compliance vollständig ab (Maßnahme, Indikation und Technik)
  • Individuelle Datenerhebung

Nachteile:

  • Personal- und kostenintensiv
  • Beobachter müssen geschult werden
  • Verzerrung durch Reaktivität
b) Videobasierte Beobachtung
Bei der videobasierten Beobachtung zeichnet eine Kamera das Händehygieneverhalten auf. Die Auswertung erfolgt anschließend zeitlich und personell getrennt von der Aufzeichnung. Montiert oder mobil: Die Kameras können fest installiert sein und einen gesamten Raum oder Bereich aufzeichnen oder alternativ in Form von tragbaren Minikameras die Mitarbeiter begleiten.

Vorteile:

  • Bildet Händehygiene- Compliance vollständig ab (Maßnahme, Indikation und Technik)
  • Individuelle Datenerhebung
  • Reaktivität nimmt nach kurzer Zeit ab

Nachteile:

  • Datenverarbeitung und -auswertung sehr aufwändig
  • Datenschutz muss gewahrt werden

Quelle: 1. Diefenbacher, S. et al. Verfahren zur Erfassung des Händehygieneverhaltens – Eine methodische Betrachtung aus verhaltenswissenschaftlicher Perspektive. Hygiene&Medizin, 2016, 46(6).