Verkeimte Stethoskope –
ein handgemachtes Risiko

Es gilt immer noch als Sinnbild medizinischer Kompetenz und wird nicht nur in Arztserien gern lässig um den Hals getragen: Das Stethoskop. Doch die „verlängerte Hand” des Arztes, wie es in einer aktuellen Studie heißt, kann mit mehr pathogenen Keimen besiedelt sein als die Hand selbst.

von  der HARTMANN Online Redaktion
Die aktuellen Forschungsergebnisse zeigen: Stethoskope sind eine unterschätzte Infektionsgefahr, oder, wie O‘Flaherty und Fenelon in ihrem Studien-Review  titeln, eine „Schlange im Gras“ [1]. Die Forscher aus Dublin untersuchten in ihrem Review an mehr als 6.000 Fällen die Rolle des Stethoskops als Überträger von Krankheitserregern.

Hohe Kontaminationsraten

Arzt mit Stethoskop
Das Stethoskop um den Hals gilt als "Erkennungszeichen" für den Arzt. Aus hygienischen Gründen sollte es aber immer in der Kitteltasche getragen werden.

28 Studien zufolge waren 85,1 % (Mittelwert) der Stethoskope mit Bakterien besiedelt. Die Rate der koloniebildenden Einheiten (KBE) je Stethoskop-Membran variierte von 27 bis 158. Die Autoren bewerten diese Ergebnisse als alarmierend und stützen sich dabei u. a. auf Veröffentlichungen der Association Française de Normalisation (AFNOR), die Grenzwerte von maximal 5 KBE per cm2 bzw. weniger als 20 KBE je Membran nennt. Dass im Laufe einer Schicht sogar mehr als 1.000 KBE auf eine Stethoskop-Membran gelangen können, wurde bereits 1999 von Bernhard et al. nachgewiesen.

In 30 von 31 Studien wurden Erreger nosokomialer Infektionen isoliert, darunter vor allem Staphylococcus aureus und Pseudomonas aeruginosa sowie E. Coli, Klebsiella pneumoniae, Enterobacter spp. und Acinetobacter spp. Über alle Studien hinweg wurden z. B. Kontaminationsraten bei S. aureus zwischen 1,9 % und 100 % beschrieben. Auffällig ist eine große Variationsbreite in den Kontaminationsraten und bei den isolierten Erregern. Die große Bandbreite bei den Ergebnissen liegt u. a. an den Studiendesigns, die Faktoren wie die Häufigkeit des Stethoskopeinsatzes, einen richtigen Gebrauch oder die Frequenz von Desinfektionen nicht standardisiert berücksichtigten.


Isolierte

Bakterienkulturen

Anzahl der Sudien, in denen die

Erreger nachgewiesen wurden*

 Staphylococcus aureus
27 (87%)
 Enterobacteriaceae 17 (55%)
 Acinetobacter spp.
9 (29%)
 Enterococci 8 (26%)
 Pseudomonas aeruginosa
7 (23%)
 Stenotrophomonas maltophi-
2 (6%)

* In den Studien wurden mehr als eine Bakterienspezies auf den Stethoskopen gefunden. Anzahl der Studien: 31

Quelle: O‘Flaherty N, Fenelon L. J Hosp Infect. 2015 Sep;91(1):1-7

Kontaminationsrisiko mit Händen vergleichbar

Um mehr über die Rolle von Stethoskopen bei der Übertragung von Krankheitserregern in Erfahrung zu bringen, konzentrierte sich eine Forschergruppe in Genf bei ihren Untersuchungen auf den Übertragungsweg [2]. In der Studie wurden 83 Patienten, u. a. MRSA-Träger, nach einem standardisierten Verfahren physisch mit und ohne Handschuhe unter Verwendung steriler Stethoskope untersucht. Behandschuhte und unbehandschuhte Hände sowie Schläuche und Membranen der Stethoskope wurden anschließend beprobt und die Ergebnisse miteinander verglichen. Zwischen den Kontaminationsraten von Händen und Stethoskopen bestand ein direkter Zusammenhang: Hohe Keimzahlen auf den Fingerspitzen der Ärzte waren mit hohen Besiedlungsraten auf der Membran und dem Stethoskopschlauch assoziiert. Die Keimzahlen auf der Membran waren geringer als auf den Fingerspitzen, aber höher als auf den Handflächen. Die Schläuche der Stethoskope waren sogar stärker kontaminiert als der Handrücken. Insgesamt glichen die Kontaminationsraten des Stethoskops denen der dominanten Hand des Untersuchers.  

Desinfektion nach jeder Untersuchung

Aufgrund ihrer Ergebnisse  betrachten die Forscher aus Genf Endoskope als „verlängerte Hand“ des Arztes, deren Infektionsrisiko mit dem der Hände vergleichbar wären.  Stethoskope kommen in direkten Kontakt mit der Haut von Patienten und werden täglich viele Male am Patienten eingesetzt. Untersuchungen haben gezeigt, dass zwischen 70 % und 90 % der Ärzte ihre Stethoskope nach einer Untersuchung nicht desinfizieren [2]. Genau das aber könnte das Infektionsrisiko für Patienten deutlich senken. Liegen zwischen den Desinfektionen eines Stethoskops weniger als 5 Untersuchungen, sind 3,4 % kontaminiert, bei über 5 Untersuchungen ohne Desinfektion sind es 100 % [1]. Longtin et al. empfehlen aufgrund des aktuellen Forschungsstandes, Stethoskope nach jeder Untersuchung zu desinfizieren. Dass die Händehygiene ebenfalls einen Einfluss auf die Kontaminationsraten hat, liegt buchstäblich auf der Hand: 9 % der Stethoskope von Mitarbeitern, die sich in der Händehygiene engagieren, sind kontaminiert. Mitarbeiter hingegen, die es mit der Händehygiene nicht so genau nehmen, tragen in 84 % der Fälle ein kontaminiertes Stethoskop bei sich [1].

Quellen:
1. O‘Flaherty N, Fenelon L. The stethoscope and healthcare-associated infection: a snake in the grass or innocent bystander? J Hosp Infect. 2015 Sep;91(1):1-7.
2. Longtin Y et al. Contamination of stethoscopes and physicians‘ hands after a physical examination. Mayo Clin Proc. 2014 Mar;89(3):291-9.