Inkontinenz-assoziierte Dermatitis – eine Herausforderung in der Pflege

Auf dem Kongress Pflege 2017 referierten für die Paul Hartmann AG die Inkontinenz-Expertin Elke Kuno sowie die Hartmann Fachberaterin Manuela Müller über die IAD aus der Sicht der Pflege. Eine wirksame Prävention hilft nicht nur, dem Betroffenen Schmerzen zu ersparen, sondern kann auch hohe Kosten für medizinische Behandlung und pflegerischen Mehraufwand vermeiden.

von  der HARTMANN Online-Redaktion 16 Feb 2017
Umgangssprachlich wird das Krankheitsbild der IAD als Windelausschlag, Windeldermatitis oder Windelallergie bezeichnet. Da der Begriff „Windel“ im Zusammenhang mit der Pflege inkontinenter, älterer Personen eine abwertende Bedeutung hat, sollte jedoch der Begriff „inkontinenz-assoziierte Dermatitis“ oder kurz IAD verwendet werden. IAD wurde als Begriff erstmals im Herbst 2014 mit dem „Expertenstandard zur Förderung der Harnkontinenz“ eingeführt. Seitdem kommt der IAD-Prävention ein neuer Stellenwert zu.

„Alle diejenigen, die aus der Pflege kommen, beschäftigt das Thema IAD schon lange“, führte die Referentin Elke Kuno auf dem Kongress Pflege 2017 in das Thema ein. Elke Kuno ist unter anderem Mitglied im Expertenrat der Deutschen Kontinenzgesellschaft und ist am Agaplesion Bethanien Krankenhaus in Heidelberg in der Fortbildung „Fachkraft für Kontinenzförderung“ tätig. „Untersuchungen zeigen, dass 29 Prozent aller inkontinenten Patienten bzw. Bewohner von Alten- und Pflegeheimen hochrisikobehaftet sind, eine IAD zu entwickeln. An diesen Zahlen kann man nicht vorbeigehen“ betonte die Expertin.

Individuelle Risikoeinschätzung beugt einer IAD vor

Der größte Risikofaktor für eine IAD ist die Stuhl- bzw. die gemischte Stuhl- und Harninkontinenz, erklärte Kuno. Verdauungsenzyme aus dem Stuhl schädigen die oberste Schicht der Epidermis, das Stratum corneum, das seine Schutzfunktion dadurch nicht länger aufrechterhalten kann. Mit der Zeit bilden sich Hautdefekte aus, die zudem durch das Risiko oberflächlicher, bakterieller Infektionen belastet sind. Als weitere Risikofaktoren nannte die Expertin die Defäkationsfrequenz (je öfter (flüssiger) Stuhl innerhalb von 24 Stunden abgeht, umso höher ist das Risiko), ein höheres Lebensalter und die damit einhergehende geringe Hautstabilität und personenbezogene Faktoren wie eine eingeschränkte Mobilität oder Sensorik. Auch das mechanische Trauma der Hautreinigung, verursacht durch häufigen Kontakt mit Wasser, Seife und Reibung, sowie der Einsatz okkludierender Hilfsmittel, können das IAD-Risiko erhöhen.

Anhand von Bildern und Fallbeispielen erläuterte Kuno die wichtige Abgrenzung der IAD zum Dekubitus. Zur IAD-Prävention empfiehlt die Expertin, für jeden Patienten bzw. Bewohner die Inkontinenzsituation zu erfassen und das individuelle IAD-Risiko zu ermitteln. Aufklärung, pflegerische Intervention sowie lokale Präventionsmaßnahmen können dann das IAD-Risiko gezielt reduzieren.
Abb. 1 zeigt die typischen diffusen Hautrötungen bei einer inkontinenz-assoziierten Dermatitis (IAD). Abb. 2 zeigt einen Dekubitus Grad 1 mit scharf begrenzten, flächigen Hautrötungen.

Wie geht die Pflege mit einem IAD-Hochrisiko um?

Auf die lokalen Präventionsmaßnahmen im Rahmen der Pflege ging dann die Referentin Manuela Müller ein. Neben einer schonenden, pH-hautneutralen Reinigung zählen für die Gesundheits- und Krankenpflegerin (Krankenschwester) und Fachberaterin bei der PAUL HARTMANN AG der aktive Hautschutz und die individuelle Auswahl von aufsaugenden Inkontinenzprodukten zu den wichtigen Säulen im IAD-Management. Entscheidend sei dabei die Kompatibilität der Produkte: „Hochwertige Hautschutzprodukte sollten der Haut Nährstoffe zuführen und den Regenerationsprozess aktiv unterstützen, dürfen aber gleichzeitig nicht die Saugleistung von Inkontinenzprodukten beeinträchtigen, erläuterte Müller. Sie berichtete von einem Beispiel, bei dem die Saugleistung von Inkontinenzprodukten durch die Verwendung von Melkfett vollständig aufgehoben wurde. Aufeinander abgestimmte Produkte hingegen schränken sich in ihrer Wirksamkeit nicht ein, betonte die Expertin. Als Beispiel führte sie dazu die Hautschutzprodukte von Menalind professional und die Inkontinenzprodukte MoliForm bzw. MoliCare auf.

Bei der Auswahl von Inkontinenzprodukten gelte der Grundsatz „offen vor geschlossen“, fuhr die Expertin fort, um bestmöglichen Luftzutritt zur Haut zu sichern. Des Weiteren sollten die Inkontinenzprodukte zur Gesunderhaltung der Haut über folgende Merkmale verfügen: Sie sollten im Schritt gut sitzen, nicht zu groß sein sowie über einen Superabsorber zur sicheren Flüssigkeitsaufnahme verfügen, dabei aber dünn sein, um dem Betroffenen ein gutes Tragegefühl zu vermitteln. Das innere Oberflächenvlies ist idealerweise antibakteriell und weist neutrale pH-Werte auf, um den Säureschutzmantel der Haut in seiner Funktion zu unterstützen. Abschließend ermutigte Müller die Pflegenden vor Ort, sich für eine individuelle Inkontinenzversorgung im Sinne des Expertenstandards stark zu machen: „Beziehen Sie Position. Sprechen Sie über die IAD. Bringen Sie Ihre Kompetenz ein. Eine wirksame IAD-Prävention hilft, Schmerzen und Komplikationen zu vermeiden, sowie Zeit und Kosten zu sparen.“