Mit der Pflegeanamnese Harninkontinenz sicher identifizieren

Harninkontinenz wird immer noch von vielen Betroffenen verschwiegen, oft mit der Folge physischer, psychischer und sozialer Probleme. Umso wichtiger ist, dass sich Pflegekräfte mit Empathie der Betroffenen annehmen, um das Tabu abzubauen und wirkungsvoll helfen zu können.

von  der HARTMANN Online-Redaktion

Mit dem Nationalen Expertenstandard „Förderung der Harnkontinenz in der Pflege“ des Deutschen Netzwerkes für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) werden Pflegefachkräften Wege für einen professionellen Umgang mit Kontinenzproblemen ihrer Bewohner aufgezeigt. Zielsetzung ist dabei, die belastende Lebenssituation Betroffener zu erleichtern, gleichzeitig aber auch die Arbeitsqualität und das berufliche Selbstverständnis der Pflegefachkraft zu verbessern.

Zur praktischen Umsetzung des Pflegeziels Kontinenzförderung empfiehlt der Expertenstandard ein Vorgehen in sechs Schritten, wie in der Infografik rechts dargestellt. Der erste Schritt ist die Identifizierung und Erfassung von Risikofaktoren und Anzeichen für eine Harninkontinenz im Rahmen der Pflegeanamnese. Dabei gilt es vor allem, beim Erstkontakt mit dem Bewohner oder mit dem Pflegebedürftigen in der ambulanten Pflege das immer noch bestehende „Tabu Harninkontinenz“ einfühlsam zu durchbrechen. Gelingt dies und fühlt sich der Betroffene angenommen, eröffnen sich damit gute Chancen, das Ziel Harnkontinenz zu erreichen bzw. die Auswirkungen der Harninkontinenz zu mildern. Dazu gehört insbesondere die hygienische Versorgung inkontinenter Bewohner mit qualitativ sicheren, aufsaugenden Inkontinenzprodukten, die den Betroffenen für bestimmte Zeitintervalle die sogenannte soziale Kontinenz sichern und sie befähigen, unbeschwert am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.

Das Vorgehen bei einer Pflegeanamnese

Pflegerin füllt Anamnesebogen mit Seniorin aus

Manchmal ist es gar nicht so schwierig. Wenn der neue Bewohner noch aufgeschlossen, offen gegenüber den Problemen und kommunikationsfähig ist, lässt sich mit den „klassischen“ Anamnesefragen, die übrigens auch der Arzt benutzt, viel in Erfahrung bringen:

  • Verlieren Sie ungewollt Urin?
  • Verlieren Sie Urin, wenn Sie husten, lachen oder sich körperlich betätigen?
  • Verlieren Sie Urin auf dem Weg zur Toilette?
  • Tragen Sie Vorlagen / Einlagen, um Urin aufzufangen?
  • Verspüren Sie häufig (starken) Harndrang?
  • Müssen Sie pressen, um Wasser zu lassen?

Selbst wenn die Fragen entsprechend der Gegebenheiten beim Bewohner mit Taktgefühl individuell formuliert wurden, kann der Erkenntnisgewinn daraus spärlich sein. Werden die Fragen also nicht ausreichend oder gar nicht beantwortet, ist bei weiteren Kontakten auf „Auffälligkeiten“ (z. B. häufige Toilettengänge, versteckte Schmutzwäsche, Geruchsbildung usw.) zu achten, die auf eine verschwiegene Harninkontinenz hinweisen.

Bestehen offensichtlich Kontinenzprobleme, ist eine differenzierte Einschätzung vorzunehmen, um Form und Schweregrad der vorliegenden Inkontinenz festzustellen. Erforderlich ist dazu die diagnostische Abklärung durch den behandelnden Hausarzt mit Anamnese, Urinanalyse, allgemeiner körperlicher Untersuchung und einer sonographischen Restharnbestimmung.

Aufgabe der Pflegefachkraft ist dabei, das für die Ursachenabklärung so wichtige Miktionsprotokoll zu erstellen bzw. Betroffene und / oder Angehörige bei der Erstellung entsprechend zu unterstützen. Des Weiteren sollten alle erforderlichen Maßnahmen zur Identifizierung und differenzierten Einschätzung der Harninkontinenz von der Pflegefachkraft initiiert und geleitet sowie gegebenenfalls mit anderen Berufsgruppen koordiniert werden. Dies sind zumindest die Vorgaben des Expertenstandards, wodurch der Pflegefachkraft eine Funktion als „Case Manager“ zukommt.

Wichtig für die Diagnose: das Miktionsprotokoll

Miktionsprotokoll

Zur Erstellung eines Miktionsprotokolls werden über einen bestimmten Zeitraum alle Miktionen und alle damit im Zusammenhang stehenden Ereignisse in ein Stunden-Zeitschema eingetragen. Der Zeitraum, über den ein Protokoll geführt werden sollte, ist vom Krankheitsbild und den individuellen Gegebenheiten abhängig. Der Expertenstandard empfiehlt einen Zeitraum von drei bis fünf Tagen.

Hinweise zum Führen des Protokolls:

  • Werden Inkontinenzeinlagen benutzt, ist zu notieren, ob die Einlage zum Zeitpunkt des Toilettengangs trocken oder nass war.
  • Die Häufigkeit der Inkontinenzepisoden lässt Rückschlüsse auf Schweregrad und Form der Inkontinenz zu, z. B. mehr als 8-mal pro Tag Wasserlassen deutet auf eine Drangsymptomatik hin.
  • Die Menge des abgehenden Urins ist möglichst exakt zu bewerten, weil daraus Erkenntnisse über Blasenfüllmenge, Restharn und Detrusortätigkeit gewonnen werden können.
  • Wichtig ist auch festzustellen, wie viel ein Bewohner trinkt und wann er die Mengen trinkt.

Vollständige Lebenssituation erfassen

Harninkontinenz ist kein isoliertes Geschehen, sondern steht in enger Wechselbeziehung zur allgemeinen körperlichen und psychischen Situation. Was hierbei alles eine Rolle spielt, kann jedoch bei einem kurzen Arztbesuch kaum evaluiert werden. Deshalb ist es wiederum die Pflegefachkraft, die durch ihre Nähe zum Bewohner die einzelnen Risikofaktoren erkennen und in ihrer Funktion als „Case Manager“ dem behandelnden Arzt mitteilen kann.

Neben inkontinenzauslösenden Ursachen wie z. B. gynäkologischen, urologischen oder neurologischen Erkrankungen sind es vor allem auch aktuelle Probleme, auf die bei der Beurteilung des Gesundheitszustandes geachtet werden sollte. Beispielsweise kann eine Harnwegsinfektion ganz erheblich zur Verschlechterung einer bestehenden Drang­inkontinenz beitragen. Darüber hinaus sind die (verbliebenen) körperlichen Fähigkeiten richtig einzuschätzen. Wie steht es beispielsweise mit der Mobilität, der Gangsicherheit, der manuellen Geschicklichkeit oder dem Sehvermögen? In diesem Zusammenhang sind auch Umweltbedingungen zu überprüfen, wie beispielsweise schlecht gelegene Toiletten und beschwerliche Zugänge.

Psychischen Status und soziales Umfeld beachten

Pflegerin stützt Seniorin beim Gehen

Psychisch reagieren Menschen sehr unterschiedlich auf ihre Inkontinenz: Manche tun alles, damit ihnen geholfen wird. Andere wiederum sind aggressiv und verleugnen hartnäckig ihr Problem. Nicht wenige sind apathisch oder deprimiert. Studien ergaben, dass Depressionen bei Inkontinenzbetroffenen häufiger sind als bei nicht Betroffenen gleichen Alters [1].
Auch das soziale Umfeld kann mitbestimmend sein, wie der von Inkontinenz Betroffene mit seinem Problem zurecht kommt. Nicht zuletzt aus Schamgefühl isolieren sich viele aus freien Stücken und weigern sich, an sozialen Aktivitäten teilzunehmen.

Psychosoziale Belastungen wie häusliche Spannungen oder das Sich-nicht-Zurechtfinden in der neuen Heimumgebung können eine Inkontinenzentstehung begünstigen bzw. eine bereits bestehende Inkontinenz verstärken. Umgekehrt kann ein von Inkontinenz Betroffener aber auch die Gemeinschaft, in der er lebt, mit großen emotionalen und sozialen Problemen belasten.

Umsetzung des Pflegeziels Kontinenzförderung in sechs Schritten nach Expertenstandard DNQP
Identifizierung
Identifizierung und Erfassung von Risikofaktoren und Anzeichen für eine Harninkontinenz im Rahmen der Pflegeanamnese
Differenzierung
Differenzierung der Einschätzung z. B. mithilfe eines Miktionsprotokolls bzw. diagnostischer Maßnahmen durch den behandelnden Arzt
Beratung
Beratung Betroffener bzw. pflegender Angehöriger zur Vorbeugung, Beseitigung, Verringerung oder Kompensation von Harninkontinenz (auch Beratung zur Anwendung aufsaugender Inkontinenzprodukte)
Planung
Planung bewohnerindividueller Ziele und Maßnahmen zur Förderung der Harnkontinenz und zur Vermeidung von Beeinträchtigungen
Durchführung
Durchführung und kontinuierliche Umsetzung des Maßnahmenplans bzw. Koordinierung der multidisziplinären Behandlung z. B. durch Ärzte und Physiotherapeuten
Bewertung
Bewertung der Effektivität der ergriffenen kontinenzfördernden Maßnahmen z. B. mithilfe einer kontinuierlich geführten Dokumentation

Literatur 1. Heft 39 – Harninkontinenz aus der Reihe „Gesundheitsberichterstattung des Bundes“, herausgegeben durch das Robert Koch-Institut, September 2007