HARTMANN OP-FORUM

Die Sicherheit im OP-Dienst –
auch eine Aufgabe der Arbeitgeber

Der moderne chirurgische Operationsbereich nimmt eine Sonderstellung in der Risikokette der Krankenhäuser ein. Im Zuge des operativen Aktes besteht zum einen eine erhöhte Infektionsgefahr, zum anderen kann eine mangelhafte Organisation des OP-Betriebes die Gefährdungslage verschärfen. Aber nicht nur der Patient ist diesen Risiken ausgesetzt, sondern auch das OP-Personal.

von  der HARTMANN Online-Redaktion 05 Sep 2016

In den komplexen und dynamischen OP-Arbeitsbereichen können von vielen Teiltätigkeiten (z. B. Instrumentenübergabe, Zugang legen, Zusammensetzen des Skalpells, Medikamente aufziehen) unmittelbare Gefährdungen für die dort arbeitenden Berufsgruppen ausgehen. Zu denken ist hier etwa an das Infektionsrisiko durch Stich-, Schnitt- oder Kratzverletzungen mit kontaminierten scharfen oder spitzen Instrumenten – typischerweise Skalpelle, Injektions- bzw. Entnahmekanülen und Lanzetten – oder an den ungewollten Kontakt mit infektiösen Körpersekreten, weil die medizinischen Handschuhe perforiert sind. Die wirksame Verhinderung der Übertragung von Krankheitserregern ist somit aus den Perspektiven des Patienten und Arbeitsnehmerschutzes das oberste Gebot der Krankenhaushygiene. Was hierbei die Aufgaben der Arbeitgeber im Hinblick auf die Sicherheit im OP-Dienst ist, erläuterte Prof. Dr. jur. Volker Großkopf.

Vorschriften sorgen für Sicherheit im OP

Die Gewährleistung der Sicherheit am Arbeitsplatz ist zunächst Teil des Arbeitsschutzrechts. Es ist daher Aufgabe des Arbeitgebers, die erforderlichen Maßnahmen des Arbeitsschutzes unter Berücksichtigung der Umstände zu treffen, die die Sicherheit und Gesundheit der Beschäftigten bei der Arbeit beeinflussen (vgl. § 3 ArbSchG). Grundsätzlich gilt: Die Arbeit ist so zu gestalten, dass eine Gefahrenlage für den Arbeitnehmer möglichst vermieden und die verbleibende Gefährdung möglichst gering gehalten wird. Besonders für die infektionskritischen operativen Arbeitsbereiche bedeutet dies, dass alle technischen, organisatorischen und persönlichen Schutzmöglichkeiten am aktuellen Stand der arbeitsmedizinischen Erkenntnisse in der Hygiene auszurichten sind (siehe § 4 Abs. 4 ArbSchG). Die Arbeitgeber werden insoweit verbindlich vom Gesetzgeber aufgerufen, geeignete Präventionsmaßnahmen zu identifizieren, die in der OP-Routine zum Einsatz kommen können.

Die Konkretisierung der Arbeitsschutzvorschriften und die Optimierung des technischen Infektionsschutzes für das Gesundheitswesen erfolgt dann im Wesentlichen durch die

  • Verordnung über Sicherheit und Gesundheitsschutz bei Tätigkeiten mit Biologischen Arbeitsstoffen (Biostoffverordnung – BioStoffV),
  • Technische Regel für Biologische Arbeitsstoffe 250 (Biologische Arbeitsstoffe im Gesundheitswesen und der Wohlfahrtspflege – TRBA/BGR 250),
  • Technische Regel für Gefahrstoffe (Umgang mit Gefahrstoffen in Einrichtungen zur humanmedizinischen Versorgung – TRGS 525).

Für OP-Personal, das mit sog. biologischen Arbeitsstoffen (BA) umgehen muss, ist der gesetzliche Arbeitsschutz durch die Biostoffverordnung vom 15.7.2013 geregelt, zu deren Kernelement die sog. Gefährdungsbeurteilung gem § 4 BiostoffVO gerechnet wird. Dies bedeutet praktisch, dass vom Arbeitgeber mindestens jedes zweite Jahr fachkundig zu ermitteln ist, welche Gefährdung der Beschäftigten von den Biostoffen ausgeht. Für diese Tätigkeiten sind dann allgemeine Schutzmaßnahmen und von der jeweiligen Schutzstufe abhängige zusätzliche Maßnahmen zu ergreifen.

Sichere Instrumente zur Risikominimierung

Sichere Instrumente
Beispiele für Sichere Instrumente sind diese Sicherheitsskalpelle und Klingenabwurfbehälter. Sie können individuell in HARTMANN CombiSets integriert werden.

Entsprechend der Gefährdungsbeurteilung müssen Arbeitsmittel ausgewählt werden, die die Exposition gegenüber Biostoffen und die Gefahren durch Stich- und Schnittverletzungen verhindern oder minimieren (§ 9 ABS. 3 Nr. 1 BioStoffV). In Abhängigkeit von der Gefährdungsbeurteilung sind demnach spitze und scharfe medizinische Instrumente durch verletzungssichere zu ersetzen (§ 11 Abs. 2 BioStoffV).

Den bestmöglichen Schutz vor Nadelstichverletzungen bieten anerkannte sog. Sichere Instrumente (SI), die mittlerweile für fast alle Anwendungsgebiete zur Verfügung stehen. Dabei handelt es sich um medizinische Einmalartikel für perkutane Eingriffe wie beispielsweise Kanülen, Lanzetten oder Skalpelle. Sie sind mit einem automatischen oder zu aktivierenden Sicherheitsmechanismus ausgerüstet, der ein ungewolltes Stechen oder Schneiden nach dem Gebrauch der Instrumente verhindern soll.

Vertieft werden die Anforderungen der Biostoffverordnung durch die TRBA 250, die u. a. weiterführende Bestimmungen zur Verwendung von Schutzhandschuhen, dem Einsatz von Atemschutz sowie Begriffsbestimmungen für Schutz- und Arbeitskleidung enthält.

Festlegungen zur persönlichen Schutzausrüstung der OP-Teams bei Eingriffen, in denen Arzneimittel eingesetzt werden, die gefährliche Inhaltsstoffe freisetzen können, enthält schließlich auch die Technische Regel für Gefahrstoffe (TRGS 525). Neben zahlreichen spezifischen technischen Schutzmaßnahmen bei Entnahme, Zubereitung und Anwendung von CMR-Arzneimitteln wird dem operierenden Personal z. B. bei Eingriffen im Bauchraum auferlegt, hinreichende Schutzkleidung sowie zwei Paar Handschuhe übereinander zu tragen (double gloving).

Das Fazit von Prof. Großkopf gab einen konkreten Überblick über die Sachlage: Die Tätigkeiten im OP gehören zu den beruflichen Hochrisikobereichen. Nach den Statistiken der Unfallversicherungsträger erkranken jedes Jahr eine hohe Zahl von OP-Beschäftigten an Infektionen mit dem Hepatitis B, Hepatitis C, Tuberkulose oder dem HI-Virus. Vorrangiges Ziel muss es daher sein, Verletzungen an spitzen und scharfen Gegenständen erst gar nicht entstehen zu lassen. Neben einer effizienten, sicheren Arbeitsorganisation, der fachgerechten Entsorgung von Skalpellen und Kanülen und der Verwendung sicherer Instrumente zählen auch alle sonstigen Anforderungen der Hygiene bei Operationen auf dem aktuellen Stand der Technik zu diesem präventiven Pflichtenkatalog.

Und er warnte: Werden sichere Arbeitsmittel, wie beispielsweise geeignete medizinische Handschuhsysteme  den Arbeitnehmern im OP nicht zur Verfügung gestellt, birgt dies aus juristischer Sicht für den Arbeitgeber ein doppeltes Gefährdungspotenzial. Im Verletzungsfall können neben arbeitsschutzrechtlichen (§§ 25, 26 ArbSchG) auch haftungsrechtliche Konsequenzen zu befürchten sein. Denn: gem. § 110 SGB VII sind Unternehmen gegenüber dem Unfallversicherungsträger zum Schadenersatz verpflichtet, wenn sie den Leistungsfall vorsätzlich oder grob fahrlässig herbeigeführt haben.

Prof. Dr. jur. Volker Großkopf

Prof. Dr. jur. Volker Großkopf, Rechtsanwalt, spezialisiert auf Pflege- und Arzthaftungsrecht. Lehrstuhl für Rechtswissenschaften im Fachbereich Gesundheitswesen. Herausgeber der juristischen Fachzeitschrift „Rechtsdepesche für das Gesundheitswesen“, Veranstalter des JuraHealth Congresses.