BKK-Pflegereport: Altenpfleger
immer häufiger psychisch krank

Bekommen im Durchschnitt aller Berufgruppen 25 % der Beschäftigten mindestens einmal die Diagnose "psychische Erkrankung" gestellt, gilt dies in der Altenpflege für über 40 %. Das berichtet der BKK-Gesundheitsreport 2016.

von  der HARTMANN Online-Redaktion
"Einen Großteil ihrer Lebenszeit verbringen Beschäftigte mit Arbeit. Deshalb verwundert es nicht, dass die Arbeit und insbesondere die damit verbundenen Arbeitsbedingungen die Gesundheit von Beschäftigten maßgeblich beeinflussen. Neben der Tätigkeit selbst spielen aber auch weitere Rahmenbedingungen eine wichtige Rolle", schreibt Franz Knieps, Vorstand des BKK Dachverbandes e.V., im Vorwort zum BKK-Gesundheitsreport 2016, dessen Schwerpunktthema „Gesundheit und Arbeit“ lautet.

In den umfangreichen Untersuchungen – der Report hat einen Umfang von über 500 Seiten – wurden unter anderem die "Arbeitsunfähigkeitstage" für zahlreiche Berufsgruppen berechnet. Dabei liegt diese Zahl für Mitarbeiter im Gesundheitswesen im Durchschnitt aller Beschäftigten. Ein anderes Bild zeigt sich bei den psychischen Störungen: Hier sind die medizinischen und nichtmedizinischen Gesundheitsberufe (284 AU-Tage je 100 Beschäftigte) neben den Beschäftigten der Sicherheistberufe mit am stärksten betroffen.

Der Report interpretiert die Zahlen so: "Hier lässt sich feststellen, dass insbesondere in Tätigkeitsbereichen, die oft und häufig mit anderen Menschen interagieren und somit auch potenziell häufiger (zwischenmenschlichen) Stresssituationen ausgesetzt sind, die Fehltage aufgrund dieser Krankheitsart höher als z.B. im handwerklichen Bereich sind. Des Weiteren spielt hier auch der in den besonders stark betroffenen Berufssegmenten wesentlich höhere Anteil beschäftigter Frauen eine Rolle. So sind 85,4% der Beschäftigten der medizinischen und nichtmedizinischen Gesundheitsberufe Frauen, hingegen nur 15,1% bei den Fertigungsberufen."

Betrachtet man die Berufsgruppen mit den meisten AU-Tagen aufgrund von psychischen Störungen, so liegt die Altenpflege ganz vorn mit 117 Fälle je 1.000 beschäftigten Mitgliedern. Bei 38,4 Tagen je Fall ergibt dies 4.502 AU-Tage je 1.000 Beschäftigte.

Die Betrachtung stützt auch eine weitere Auswertung des BKK-Gesundheitsreports, die die Diagnosen betrachtet. Aufgrund von psychischen Störungen in Behandlung sind am häufigsten Beschäftigte in der Altenpflege (40,5%), Servicekräfte im Personenverkehr (38,1%) sowie in Hauswirtschaft und Verbraucherberatung (37,3%). Auch hier sind es also vor allem wiederum die Berufe, welche besonders den Umgang mit Menschen und oft hoher psychischer Belastung beinhalten, die hohe Inanspruchnahmeraten aufweisen.

"Alarmierende Zahlen", meint der DBfK

In einer Stellungnahme geht auch der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) auf den Report ein. Mit den veröffentlichten Daten des BKK Gesundheitsreport 2016 „Gesundheit und Arbeit“ werde deutlich, wie stark sich die anhaltend belastenden Arbeitsbedingungen in der Pflege für die Beschäftigten auswirken, meint der Berufsverband.

„Alle Jahre wieder alarmierende Zahlen. Alle kennen die Trends, alle wissen um die Probleme, aber niemand packt bisher die Ursachen wirklich an“, sagt DBfK-Sprecherin Johanna Knüppel. „Dass AltenpflegerInnen mit weitem Abstand die meisten Fehltage wegen psychischer Störungen aufweisen – das 37-fache der Berufsgruppe mit den wenigsten Fehltagen dieser Krankheitsart - ist dramatisch. Dicht dahinter folgen die Beschäftigten der Gesundheits- und Krankenpflege in diesem Ranking. Knapp jede/r zehnte Altenpfleger/in erhielt 2015 mindestens einmal ein Antidepressivum verordnet, auch das ist „Spitze“; die Gesundheits- und Krankenpflege liegt nur wenig dahinter. Das liegt aber nicht etwa daran, dass diese Menschen besonders anfällig oder prädestiniert für psychische Störungen wären, ganz im Gegenteil. Pflegefachpersonen sind physisch und psychisch enorm belastbar und halten in der Regel lange aus. Ihr großes Pflichtbewusstsein und ihre Verantwortung pflegebedürftigen Menschen gegenüber lässt sie allzu oft eigene Bedürfnisse zurückstellen, bis es nicht mehr geht. Ihr Beruf und das andauernde Ungleichgewicht zwischen Arbeitsintensität und Personalkapazität machen sie krank – häufig sogar dauerhaft erwerbsunfähig. Wo bleibt da die Fürsorgeverpflichtung der Unternehmen für ihre Beschäftigten? Warum lässt der Staat zu, dass Arbeitsschutz und Arbeitsrecht ausgehebelt und beruflich Pflegende in dieser Weise verschlissen werden? Und wie sollen unter solchen Bedingungen junge Menschen für einen Pflegeberuf gewonnen werden?“, fragt die DBfK-Expertin.

Die auffallend hohen Krankheitsausfälle – wegen psychischer wie auch physischer Erkrankung – in den Pflegeberufen machten seit Jahren Schlagzeilen. Zu den Hauptursachen gehören laut DBfK die verfehlte Personalpolitik und die unzureichende Personalbemessung in Kliniken, Heimen und Pflegediensten. Vor dem Hintergrund des weiter zunehmenden Pflegefachkräftemangels sei es umso unverständlicher, dass noch immer nicht in mehr qualifiziertes Personal und damit gesündere Arbeitsplätze investiert werde.