Depressiver Senior
Medizin & Pflege

Depression im Alter

Die psychische Störung, mit der Fachpflegekräfte in der Geriatrie am häufigsten konfrontiert sein dürften, ist die Depression. Oft ist es allerdings schwierig, eine Depression bei Älteren als solche zu erkennen, sodass eine Behandlung unterbleibt.

von  der HARTMANN Online-Redaktion
Depressive Seniorin
Da in fast allen Ländern der Welt die Suizidraten bei den über 75-Jährigen am höchsten sind, kommt der Suizidprävention im Alter besondere Bedeutung zu.

Als Depression (von lat.: deprimere „niederdrücken“) wird eine die Gefühlswelt betreffende psychische Störung bezeichnet. Die Stimmung eines Betroffenen ist negativ verändert und von Niedergeschlagenheit, Freud- und Antriebslosigkeit dominiert. Das Risiko, eine Depression zu entwickeln, steigt mit zunehmenden Alter. Während in der gesamten Bevölkerung durchschnittlich 5 % an einer Depression erkrankt sind, leiden etwa 20 % an einer Altersdepression. Bei Bewohnern von Senioren- oder Pflegeheimen steigt der Anteil auf 30 bis 40 % [1].

Eine Altersdepression unterscheidet sich nicht grundsätzlich von einer Depression in jüngeren Jahren. Allerdings gibt es einige Besonderheiten, die dazu führen können, dass die Depression im Alter oft nicht erkannt und adäquat behandelt wird. Ein wichtiger Grund hierfür dürfte darin liegen, dass bei älteren Betroffenen körperliche Beschwerden wie beispielsweise Kopf- und Rückenschmerzen oder Schwindelanfälle die ersten Symptome (Anzeichen) für eine Depression oft überdecken. Dies hat zur Folge, dass die Behandlung der körperlichen Beschwerden im Vordergrund steht.    

Erschwerend kommt hinzu, dass die Erkrankung „Depression“ sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der Familie immer noch tabuisiert wird. Eine zunehmend gedrückte Stimmung, das Äußern von Ängsten sowie körperlichem und seelischem Missbefinden wird von Angehörigen bzw. Pflegekräften oft zu wenig ernst genommen, sodass der Betroffe keine Unterstützung erfährt. Auch Gerontopsychiater und -psychotherapeut (Fachärzte für psychische Leiden im Alter) werden bei Altersdepressionen selten konsultiert.

Was sind die Ursachen der Altersdepression?

Die Liste der Faktoren, die eine Altersdepression auslösen können, ist lang. In Betracht kommen eine genetische Disposition (Veranlagung), eine Reihe altersbedingter biologischer Faktoren, aber auch bestimmte Entwicklungs- und Persönlichkeitsfaktoren, sog. psychosoziale Faktoren. Selten ist jedoch eine einzige Ursache der Auslöser. Meist wirken verschiedene Faktoren zusammen, was das Erkennen und die Diagnostik nicht gerade einfach machen.

Zu den altersbedingten biologischen Faktoren gehören vor allem die im Alter häufige Multimorbidität (gleichzeitiges Vorhandensein mehrerer Krankheiten) und chronische Erkrankungen. So sind beispielsweise Demenz, Morbus Parkinson oder Krebserkrankungen häufig von depressiven Phasen begleitet. Auch Schlaganfallpatienten sind besonders oft von depressiven Stimmungen betroffen. Des Weiteren können chronische Schmerzzustände Depressionen auslösen. Durch die Einnahme bestimmter Medikamente oder einen eventuellen Medikamentenmissbrauch (Schlaf- und Beruhigungsmittel, starke Schmerzmittel) kann sich das Depressionsrisiko ebenfalls erhöhen. Da viele ältere Menschen Schlafprobleme haben, ist auch die enge Wechselwirkung von Schlafstörungen und Depressionen zu beachten. Die meisten älteren Menschen, die an einer Depression leiden, klagen über Ein- und Durchschlafstörungen oder morgendliches Früherwachen.

Zu den möglichen psychosozialen Risikofaktoren zählen u. a. Verlustsituationen wie der Tod des Partners, räumliche Trennung von Kindern und Enkeln, verminderte soziale Kontakte durch mangelnde Beweglichkeit, Inkontinenz, Schwerhörigkeit oder Sehbeeinträchtigungen, finanzielle Rückschritte bzw. drohende Armut durch unzureichende Renten, Aufgabe bzw. Verkleinerung des eigenen Haushalts oder Aufgabe eines Stückes Selbstständigkeit durch Umzug in eine Senioreneinrichtung.

Wichtiges zur Diagnostik und Behandlung

Die Diagnostik einer Depression ist von einem (Fach-) Arzt vorzunehmen. Als ein Anamneseinstrument steht dazu die „Geriatrische Depressionsskala“ (Geriatric Depression Scale [GDS] nach Sheikh und Yeasvage, 1986) zur Verfügung. Die GDS umfasst in Kurzform 15 Fragen und kann auch Pflegefachkräften bei der frühzeitigen Erkennung einer möglichen Altersdepression helfen. Sie ersetzt jedoch nicht die fachärztliche Diagnose.

Unumgänglich ist eine ausführliche Anamnese im Hinblick auf Medikamente und ursächliche Erkrankungen. Durch eine umfassende Labordiagnostik müssen beispielsweise Schilddrüsenerkrankungen ausgeschlossen werden. Ggf. kann eine bildgebende Untersuchung des Gehirns erforderlich sein.

Depressive Störungen können im Alter durch auftretende Sprech- und Denkhemmung (Denken und Sprechen werden als „gebremst“ / „blockiert“ wahrgenommen) sowie durch Konzentrations- und Gedächtnisstörungen zudem Ähnlichkeiten mit einer Demenz aufweisen (depressive Pseudodemenz). Dies erfordert eine sorgfältige Differenzialdiagnose.

Beispiele für Unterscheidungsmerkmale
zwischen Depression und Demenz [2]

Anzeichen für eine Depression Anzeichen für eine Demenz
  • Beginn innerhalb weniger Wochen
  • depressive Stimmung kaum beeinflussbar und konstant über einen längeren Zeitraum zu beobachten
  • im Verlaufe eines Tages durch Morgentief und Aufhellung am Abend gekennzeichnet
  • Betroffener klagt über seinen Zustand, „kann und weiß nichts mehr“
  • Das Denken ist eher gehemmt, verlangsamt, aber nicht verwirrt
  • schleichender Beginn über Monate
  • Betroffener klagt wenig, verleugnet, „hat Probleme“
  • Orientierung hinsichtlich Ort und Zeit fällt zunehmend schwer
  • Nicht selten nächtliche Verwirrtheitszustände
Depression ist im Alter mehr noch als bei jüngeren Menschen eine lebensbedrohliche Erkrankung. Bettlägerigkeit, verminderte Flüssigkeits- und Nahrungszufuhr sowie vor allem bei alten Männern ein drastisch erhöhtes Suizidrisiko sind Faktoren, die bei der Altersdepression eine konsequente Behandlung erfordern. Sowohl Psychotherapie als auch medikamentöse Therapien haben sich als wirksam erwiesen. Dabei ist eine sorgfältige Auswahl des Antidepressivums durch den Arzt wichtig, um Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten zu vermeiden.

Quelle: [1] Deutsche Gesellschaft für Geronto­psychiatrie und -psychotherapie e. V. (DGGPP), [2] Stiftung Deutsche Depressionshilfe