Krankenhausärzte warnen: Zu wenig Zeit für Patienten, zu viel Bürokratie

Arbeitsüberlastung, Personalmangel und immer mehr Bürokratie – so kennzeichnen angestellte Ärztinnen und Ärzte in den Krankenhäusern ihre Arbeitsbedingungen im aktuellen MB-Monitor 2017.

von  der HARTMANN Online-Redaktion

An der vom Institut für Qualitätsmessung und Evaluation (IQME) für den Marburger Bund (Verband aller angestellten und verbeamteten Ärztinnen und Ärzte) durchgeführten Online-Befragung beteiligten sich in der Zeit vom 31. März 2017 bis 30. April 2017 bundesweit rund 6.200 angestellte Ärztinnen und Ärzte.

Dabei artikulierten die Ärzte klar und deutlich, welche Verbesserungen dringend notwendig sind. Mehr Zeit für Privatleben und Familie, Abbau von Bürokratie und mehr Pesonal im ärztlichen wie pflegerischen Dienst – diese Forderungen stehen ganz oben auf der Prioritätenliste. Der hohe Arbeitsdruck in den Krankenhäusern, die schlechte Personalsituation und die zunehmende Belastung durch Verwaltungstätigkleiten raubt den Ärzten wichtige Zeit, die sie für ihre eigentlichen Aufgaben benötigen. So erklären zwei Drittel der Krankenhausärzte (66 %) im aktuellen MB-Monitor , dass ihnen für die Behandlung ihrer Patienten nicht ausreichend Zeit zur Verfügung steht.

Knapp die Hälfte der Befragten (46 %) stuft die eigenen Arbeitsbedingungen als „mittelmäßig“, 19 Prozent als „schlecht“ und 5 Prozent sogar als „sehr schlecht“ ein. Jeder fünfte Befragte (19 %) trägt sich mit dem Gedanken, die ärztliche Tätigkeit ganz aufzugeben. Als Gründe nennen die Ärzte die hohe Arbeitsbelastung, den ökonomischen Druck, der auf ihnen lastet, Personaleinsparungen und die ausufernde Bürokratie.

„Der Dokumentationswahnsinn nimmt immer mehr überhand, Teamassistenten werden nicht eingestellt, sodass man sämtliche administrative Tätigkeiten selbst erledigen muss: z. B. Termine für Untersuchungen vereinbaren, Blutröhrchen bekleben, Akten sortieren“, kommentierte einer der befragten Ärzte. „Die Arbeitsbelastung lässt kein Privatleben zu. Das ist demotivierend und macht krank“, begründete ein weiterer Arzt seine Überlegung, den Beruf an den Nagel zu hängen. Ein anderer sagte in einfachen Worten, was ihn dazu bewegen würde, weiterhin ärztlich tätig zu sein: „Wenn ich genug Zeit habe für die Patienten, ist es allerdings ein sehr schöner Job.“

Jeder vierte Arzt im Krankenhaus (26 %) verbringt inzwischen mehr als 3 Stunden pro Tag mit Verwaltungstätigkeiten, die über rein ärztliche Aufgaben hinausgehen. Ein Drittel schätzt den täglichen Zeitaufwand für administrative Tätigkeiten auf 1 bis 2 Stunden (33 %) oder 2 bis 3 Stunden (29 %). Nur 11 Prozent beziffern den Zeitaufwand für Datenerfassung, Dokumentation und Organisation auf weniger als eine Stunde täglich. Der Abbau von Bürokratie hat für die meisten Ärzte hohe Priorität. Für 70 Prozent der Ärzte im Krankenhaus ist eine solche Entbürokratisierung „sehr wichtig“ oder sogar „am wichtigsten“ (26 %).

Rudolf Henke
Rudolf Henke, 1. Vorsitzender des Marburger Bundes

„Die Bürokratie erstickt die ärztliche Arbeit. Durch den grassierenden Kontroll- und Dokumentationswahn wird ungeheuer viel ärztliche Arbeitskraft gebunden und wertvolle Arbeitszeit verschwendet, die wir für die Patientenbehandlung brauchen. Ich verstehe die Ergebnisse des MB-Monitor 2017 deshalb auch als Auftrag an Politik und Selbstverwaltung, die Entbürokratisierung der ärztlichen Tätigkeit endlich stärker voranzutreiben“, sagte Rudolf Henke, 1. Vorsitzender des Marburger Bundes.

Bemerkenswert ist auch, welche Bedeutung die Ärzte nicht nur dem Personalaufbau im ärztlichen Dienst, sondern auch in der Pflege beimessen. Drei Viertel der Befragten halten mehr Personal im pflegerischen Dienst für „sehr wichtig“ (52 %) oder „am wichtigsten“. Fast genauso wichtig ist den Ärzten die Personalaufstockung in der eigenen Berufsgruppe („sehr wichtig“: 49 %, „am wichtigsten“: 23 %). „Ärzte und Ärztinnen erleben täglich die Unterbesetzung auf den Stationen und wissen aus eigenem Erleben, wie wichtig funktionierende Teams im Krankenhaus sind. Ohne zusätzliches Personal im ärztlichen wie pflegerischen Dienst wird sich an der Überlastungssituation nichts ändern. Deshalb brauchen wir dringend verbindliche Personalvorgaben in den Krankenhäusern“, so der MB-Vorsitzende.