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Bei HARTMANN

Inkontinenz: Bruch mit einem Tabu

Es braucht Mut, sich zu seiner Inkontinenz zu bekennen. Aber es kann ein wichtiger erster Schritt hin zu einer adäquaten Behandlung und zur Rückkehr in ein normales Leben sein. Das meinen sowohl ein Patient als auch ein führender Urologe.

Offen über die Inkontinenz zu sprechen ist wichtig, wenn man sein Leben trotz dieser Gegebenheit, die in vielen Fällen eine Einschränkung bedeutet, in vollen Zügen genießen möchte, berichtet Klaus Müller*. Er bemerkte den unkontrollierten Harnverlust bei sich 2006 nach einer Prostatakrebs-Operation.

Bei Inkontinenz reicht die Bandbreite von einem lediglich tröpfchenweisen Harnabgang bis hin zum vollständigen Verlust der Kontrolle über Blase oder Darm, im schlimmsten Fall. Es ist eine weit verbreitete Problematik, die schätzungsweise jede fünfte Person über 40 Jahre betrifft.

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Obgleich Inkontinenz ein häufiges Phänomen ist, wird kaum darüber gesprochen. „Für den Großteil der Gesellschaft ist das ein Tabuthema“, so Müller (74 Jahre). „Sogar Bekannte, von denen ich weiß, dass sie davon betroffen sind, wollen nicht darüber sprechen. Besonders die Männer nicht.“

Für den pensionierten Beamten war der Bruch dieses Tabus dennoch hilfreich. „Ich gehe recht offen damit um. Ich habe mit meiner Familie und engen Freunden darüber gesprochen. Das hat mir geholfen, entspannter mit dem Thema umzugehen. Auch in einer Selbsthilfegruppe für Krebspatienten habe ich es angesprochen. Und ich habe mich nicht gescheut, Fachleute um Hilfe zu bitten.“

Lernen damit umzugehen

Der Arzt, der Klaus Müller operiert hat, versicherte ihm zunächst, das Problem würde sich mit der Zeit höchstwahrscheinlich von selbst erledigen, was aber trotz Physiotherapie nicht der Fall war. „Anfangs war ich einfach froh, den Krebs überlebt zu haben“, erinnert er sich. „Aber als die Inkontinenz sich nicht besserte, bekam ich es mit der Angst zu tun. Der Gedanke, andere könnten etwas merken, war mir zutiefst peinlich. Außerdem empfand ich eine ziemliche Wut.“

Mit der Zeit hat Klaus gelernt, damit umzugehen. Er verwendet Inkontinenzeinlagen und informiert sich über die nächstgelegenen Toiletten, wenn er außer Haus geht. „Man hat mich bezüglich entsprechender Produkte sehr gut beraten, was mir bei der Entscheidung geholfen hat, welche für mich die Richtigen sind. Jetzt kann ich ein ganz normales Leben führen.“

Individuelle Beratung

Urologe Andre Reiz mit Patient
Urologe Dr. André Reitz in seiner Klinik in Zürich

André Reitz, Facharzt für Urologie an einer Klinik im schweizerischen Zürich, behandelt bis zu 3.000 Patienten pro Jahr. Auch er ist der Ansicht, dass von Inkontinenz Betroffene Mittel und Wege finden können, um mit dem Problem umzugehen, oder es sogar zu lösen.

„In vielen Fällen kann man etwas tun“, sagt er. „Ich erinnere mich an einen Patienten, der 10 Jahre lang an schwerer Inkontinenz gelitten hat. Er hatte jede Hoffnung auf Besserung verloren. In seinem Fall war eine Operation die Lösung. Jetzt hat er überhaupt keine Beschwerden mehr.

„Für die meisten Leute sind jedoch konservative Behandlungsformen besser, zum Beispiel Übungen für die Beckenbodenmuskulatur, Medikamente oder Einlagen und andere Produkte. In der allgemeinen Bevölkerung und sogar in medizinischen Kreisen herrscht kein ausreichendes Bewusstsein über die Bandbreite an Optionen. Oft wissen sie nicht, wie effektiv einzelne Methoden sein können, vor allem wenn sie individuell für den Patienten angepasst sind.“

Offener Umgang statt stillem Leiden

„Damit Betroffene eine Behandlung eingehen, müssen sie zunächst erst einmal die eigene Scham überwinden“, so André Reitz. „Inkontinenz ist weitverbreitet. Sie ist Symptom einer zugrundeliegenden Krankheit, die behandelt werden muss, und kein Anzeichen von Schwäche oder Faulheit. Betroffene, die sich öffnen, kommen besser mit der Situation zurecht und ermöglichen sich so die Chance auf ein besseres Lebensgefühl“, stellt er fest.

„Ich möchte jeden, der sich wegen Inkontinenz Sorgen macht, dazu ermutigen, seinen Arzt aufzusuchen und um die Überweisung an einen Spezialisten zu bitten. Verlieren Sie niemals den Mut! Denn fast allen Betroffenen kann geholfen werden.“

Das letzte Wort hält Klaus Müller, der nach 10 Jahren Inkontinenz einige Ratschläge für andere Betroffene hat: „Es ist sehr wichtig zuzugeben, dass man inkontinent ist – es zu verschweigen bringt nichts“, meint er. „Für mich war das sehr wichtig. Es ist der beste Weg, die Scham zu überwinden und entsprechend Hilfe zu erhalten.“

Auswirkungen von Inkontinenz

Unter Harninkontinenz ist unkontrollierter bzw. unfreiwilliger Urinverlust zu verstehen. Millionen Menschen sind davon betroffen – Männer wie Frauen, alte wie junge Leute. Dennoch verschweigen es viele Betroffene jahrelang.

Inkontinenz kann einen aktiven Lebensstil behindern. Je nach Art der Inkontinenz ist es für manche Menschen schwierig, ihren gewohnten Tätigkeiten nachzugehen. Das kann dazu führen, dass sie sich aus vielen Bereichen ihres früheren Lebens zurückziehen. Darüber hinaus schämen sich viele Betroffene für die Störung und vermeiden es, darüber zu sprechen.

Glücklicherweise ist das jedoch unnötig. Es gibt eine große Bandbreite an konservativen und operativen Möglichkeiten, um das Problem zu behandeln und seine Auswirkungen soweit zu beschränken, dass Betroffene weiterhin ganz normal aktiv sein und ihr Leben genießen können. Beispielsweise gibt es Inkontinenzhilfsmittel, die Schutz vor abgehendem Urin und damit eine angenehme, diskrete und hautfreundliche Lösung bieten.

*Name aus Datenschutzgründen geändert