Soziale Isolation –
Risikofaktor im Alter

Unter den geriatrischen I‘s* wie beispielsweise Immobilität, Instabilität, Inkontinenz und Intellektueller Abbau stellt die soziale Isolation ein schwer lösbares, psychosoziales Problem dar. Soziale Isolation – oft verbunden mit Einsamkeit – hat zudem einen erheblichen physischen Krankheitswert und kann so das Leben durchaus verkürzen.

Einsamkeit und soziale Isolation gelten heutzutage als Trenddiagnose und immer öfter werden Einsamkeitsdebatten geführt. Auch Ärzte und Wissenschaftler beschäftigen sich zunehmend mit dem Problem der Einsamkeit und sozialen Isolation, vor allem mit deren Auswirkungen auf die Gesundheit. Denn der Mensch ist ein soziales Wesen. Fühlt er sich ausgegrenzt, leidet er darunter, was psychische und physische Folgen haben kann, wie zahlreiche Studien beweisen.

Eine englische Langzeitstudie zeigte beispielsweise auf, dass Menschen mit einem hohen Isolationsfaktor früher starben. Zugleich sagte die Studie, dass die Vereinsamung im Alter auch mit einer Häufung schwerer Gesundheitsprobleme einhergeht, wie z. B. Herzerkrankungen, chronischen Lungenerkrankungen oder Arthritis. Das bestätigte eine weitere englische Untersuchung, die soziale Isolation mit einem um 43 bzw. 39 % höheren Risiko für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall verbindet.

Allerdings weist diese Studie schon auf die vielen anderen Faktoren hin, die zusammenwirken. Körperliche Aktivitäten, BMI, Rauchen oder Alkoholkonsum, Haushaltseinkommen und Bildung sind ebenso Einflussfaktoren wie chronische Erkrankungen und depressive Symptome. Ähnliche Aussagen trifft der 7. Altenbericht der Bundesregierung, der auf den Zusammenhang zwischen Armut, sozialer Isolation und Gesundheitseinschränkungen hinweist. Alle Faktoren haben also starke Wechselwirkungen: So können Krankheiten zu Isolation führen, aber eben auch die Isolation zu Erkrankungen. Statistische Aussagen sind also sorgfältig zu interpretieren. Erschwert werden Analysen zudem dadurch, dass bereits die Begriffe „Einsamkeit“ und „soziale Isolation“ schwer zu definieren und zu messen sind.

Soziale Isolation ist nicht gleich Einsamkeit

Mit dem Begriff soziale Isolation wird in der Sozialpsychologie die Lebenssituation von Menschen beschrieben, die nur geringe soziale Kontakte haben. Eine soziale Isolation kann zu psychischen und physischen Erkrankungen führen, was aber nicht zwingend der Fall ist. Denn objektiv bewertet, kann eine Person durchaus sozial isoliert sein, ohne dass sie die soziale Isolation subjektiv als Mangel empfindet.

Um die Unterschiede zwischen einer objektiv bestehenden sozialen Isolation und der subjektiven Einschätzung durch die Betroffenen zu eruieren, wird sozialer Isolation häufig das Empfinden von Einsamkeit gegenübergestellt: Einsam kann eine Person sein, wenn sie die Anzahl und Intensität ihrer sozialen Kontakte als unzureichend empfindet und darunter leidet. Eine Person kann ebenso subjektiv an Einsamkeit leiden, obwohl sie objektiv gesehen über ausreichend soziale Kontakte verfügt. Einsamkeit kann vom Individuum aber auch frei gewählt sein.

Wie Einsamkeit letztlich empfunden wird – zerstörerisch oder als Chance, sozial genormten Lebensformen abzusagen – ist in hohem Maße von der charakterlichen Prägung und Lebenserfahrung des Individuums abhängig. Deshalb kommt das Gefühl der Einsamkeit – des Verlorenseins – bei älteren Menschen häufiger vor als bei jüngeren. Als „soziale Einsamkeit“ wird sie aber immer mit den Auswirkungen sozialer Isolation Hand in Hand gehen.

Die Ursachen für die Entwicklung einer sozialen Isolation sind zahlreich. Zum Teil sind es aktuelle Lebensumstände – exogene Faktoren – wie der Tod von Ehe- und Lebenspartnern, ein Umzug, sich auflösende Familienstrukturen oder Erkrankungen, die zur Isolation führen. Aber auch sog. endogene Faktoren, die im Charakter des Betroffenen selbst liegen, wie etwa eine mangelnde Kontaktfähigkeit, können Ursache für den Verlust an sozialen Kontakten sein.

Das Hamburger Marktforschungsinstitut SPLENDID RESEARCH hat im Januar 2019 im Rahmen einer repräsentativen Umfrage 1.006 Deutsche zwischen 18 und 69 Jahren online zum Thema Einsamkeit befragt. Nachdenklich stimmt dabei, dass 24 % die immer unpersönlicher werdende Kommunikation für das Gefühl der Einsamkeit verantwortlich machen.

Den Teufelskreis von sozialer Isolation und Einsamkeit zu durchbrechen, dürfte eine zukünftige gesellschaftliche Herausforderung werden, denn zu den sozialen Risikogruppen zählen längst nicht mehr nur Senioren und alte Menschen. Gefährdet sind beispielsweise auch Studierende, vor allem zu Beginn ihres Studiums, alleinerziehende Erwerbstätige, chronisch Kranke und Behinderte, Arbeitslose oder Ausländer und Migranten. Es wird eine große und vielleicht sogar unlösbare Aufgabe werden, wirksame Konzepte und monetäre Hilfen bereitzustellen, um den zahlreichen Individuen eine ausreichende Teilnahme am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen

Anteil einsamer älterer Frauen und Männer [1]

Balkendiagramm Isolation im Alter Mann vs Frau
Anteil an der jeweiligen Bevölkerungsgruppe in Prozent.
In der Untersuchung konnten die Befragten auf einer Skala von 1 bis 4 ihre Einsamkeit bewerten. Ab einem Richtwert von 2,6 wurden sie als „einsam“ eingestuft. Es wird sichtbar, dass insgesamt nur eine Minderheit berichtete, einsam zu sein. Die Messungen belegen leichte Unterschiede zwischen Eltern und Kinderlosen: Mütter und Väter fühlten sich seltener einsam als kinderlose Frauen und Männer, wobei diese Differenz nur für Männer statistisch signifikant ist.

Was im Alter alles einsam macht

Die verschiedenen Statistiken und Studien beweisen es zur Genüge: Wir werden immer älter, wobei der Anteil der Hochbetagten (80 Jahre und älter) am schnellsten wächst. Diese Tendenz, die sich in allen industrialisierten Gesellschaften zeigt, ist einerseits erfreulich, wirft aber auch im Hinblick auf die Teilhabe älterer Menschen am gesellschaftlichen Leben so manche Probleme auf. Denn in den hohen und höchsten Altersstufen steigt die Wahrscheinlichkeit, pflegebedürftig und sozial isoliert zu sein, massiv an. Daraus ergibt sich die Situation, dass gerade dann, wenn Hilfe aus gesundheitlichen Gründen dringend notwendig wäre, vertraute und verlässliche soziale Netzwerke gestört oder gar nicht mehr vorhanden sind.

Was aber sind die Ursachen für eine solche Entwicklung, die nicht nur psychische Folgen hat, sondern unter Umständen sogar zu einem vorzeitigen Tod führen kann? Hier einige Faktoren ...

Lebensabschnitte und -krisen

DerÜbertritt vom Erwerbsleben in das Renten- bzw. Pensionsalterist für die meisten Menschen – Männer und Frauen – ein sehr einschneidendes Erlebnis im Hinblick auf die Lebensgestaltung in den späteren Jahren. Es muss eine Umorientierung erfolgen, Verpflichtungen werden abgegeben und im Idealfall neue Aufgaben übernommen. Oft bedeutet das Ausscheiden aus dem Berufsleben aber auch die Beendigung vieler beruflich bedingter sozialer Beziehungen und Kontakte, woraus sich beim Einzelnen große soziale Unsicherheiten ergeben können. Es ist dann nicht einfach, sich erneut in die Gesellschaft zu integrieren, was nicht selten zu sozialer Isolation und Einsamkeit führt.

Eine Lebenskrise, die Menschen von heute auf morgen in die Einsamkeit stürzen kann, ist derVerlust des Lebenspartners. Die Wahrscheinlichkeit, den Tod des Partners erleben zu müssen, steigt dabei im höheren Alter, was eine zusätzliche Belastung für den verwitweten Ehepartner darstellt. Viele Aktivitäten des früheren gemeinsamen Lebens, wie beispielsweise die Pflege und Betreuung des Partners, fallen plötzlich ganz weg, andere werden nicht mehr als sinnvoll empfunden. Vom Schicksal der Verwitwung und infolge von Einsamkeit, sozialer Isolation und auch monetärer Probleme sind überwiegend Frauen betroffen, weshalb in diesem Zusammenhang in der Literatur von „Feminisierung des Alters“ gesprochen wird.

Eine weitere Lebenskrise, die Menschen zumeist im hohen Lebensalter trifft, wenn sie nur noch wenig belastbar sind, ist derUmzug ins Heim. Der neue Bewohner trifft hier auf teils durch ihn selbst und teils durch die Heimstruktur vorgegebene Bedingungen, die eine spezielle soziale Situation schaffen, die kaum geeignet erscheint, die Einsamkeit des Einzelnen zu durchbrechen.

Menschen, schon gar nicht alte Menschen, die oft mit dem Gefühl, abgeschoben worden zu sein, in ein Heim umziehen, gehen nicht einfach aufeinander zu, um ihre Einsamkeit zu durchbrechen. Oftmals ist zudem die Kontaktfähigkeit aufgrund erheblicher kognitiver Defizite erloschen, sodass auch Pflegekräfte kaum Möglichkeiten haben, den Bewohner zu erreichen. Hinzu kommt, dass Heime oft nicht über ausreichend Personalressourcen verfügen, um Bewohnern Kontakte zu anderen Bewohnern zuvermitteln.

Sozioökonomische Faktoren

Wenn es um Altersarmut geht, erklären Politiker gerne, dass das Existenzminimum gesichert ist und niemand in Deutschland wirklich Not leiden muss. Die Realität sieht für viele, vor allem ältere, alleinstehende Frauen mit geringer Rente anders aus. Nach Angaben des Gesundheitsnetzes Deutschland sind aktuell drei Millionen Rentner und Rentnerinnen in Deutschland von Altersarmut betroffen. Von einem Existenzminimum leben zu müssen, macht es jedoch fast unmöglich, am sozialen Leben teilzuhaben. Der Einzelne kann dann schnell in der Einsamkeit landen mit all den physischen und psychischen Folgen der sozialen Isolation.

Alleinlebende nach Alter [2]

Diagramm Alleinlebende nach Alter
in Prozent der Bevölkerung der jeweiligen Altersgruppe. Ergebnisse des Mikrozensus 2017 – Bevölkerung in Familien / Lebensformen am Hauptwohnsitz.

Gesundheitliche Ursachen

Nicht zuletzt steht soziale Isolation auch immer im Zusammenhang mit dem Gesundheits- und Allgemeinzustand. Die im Alter zunehmenden Einschränkungen der somatisch-funktionellen Fähigkeiten in Verbindung mit häufig vorkommender Multimorbidität können den Willen des Einzelnen zur aktiven sozialen Teilhabe schwer beeinträchtigen. Viele Probleme ergeben sich dabei rund um die geriatrischen I‘s.

Von den fünf Sinnen des Menschen sind „Sehen“ und „Hören“ für die Orientierung und Sicherheit des älteren Menschen besonders wichtig. Impaired eyes und Impaired ears, d. h. ein beeinträchtigtes Seh- und Hörvermögen, verringern die Mobilität und erhöhen gleichzeitig die Wahrscheinlichkeit für folgenschwere Stürze und Verletzungen. Schlecht sehen und hören hat aber auch gravierende Auswirkungen auf Kontaktfähigkeit und Kommunikation, was oft den kompletten Rückzug aus dem gesellschaftlichen Leben zur Folge hat.

Eng im Zusammenhang mit Sehen und Hören ist die eingeschränkte Mobilität, die Immobilität, zu sehen. Sie führt dazu, dass ältere Menschen aufgrund von Schmerzen, der Angst vor Stürzen oder weil die diversen Erledigungen immer mühsamer werden das Haus bzw. die Wohnung kaum oder gar nicht mehr verlassen. Dadurch kann die Beschaffung von Lebensmitteln und infolge die Zubereitung von Mahlzeiten erschwert sein, sodass eine Mangelernährung droht. Aber auch das eigene Heim kann zu einem Ort der Unsicherheit werden, wenn beispielsweise Treppen zu steil oder Gänge und Bäder zu eng sind.

Eines der größten Probleme, das zur sozialen Isolation und Einsamkeit führen kann, ist jedoch das geriatrische I der Inkontinenz. Eine europäische Studie im Auftrag der HARTMANN GRUPPE hat ergeben, dass Inkontinenz nach wie vor ein gesellschaftliches Tabuthema ersten Ranges ist. Beispielsweise haben 53 % der Befragten noch nie mit ihrer Familie darüber gesprochen, dass sie an Harninkontinenz leiden. Um wie viel schwieriger muss es erst für alleinstehende, ältere Frauen und Männer sein, sich mit diesem für sie äußert peinlichen Problem an „Fremde“ zu wenden und um Rat und Hilfe zu bitten?

Wege aus der Isolation

Nachbarin übergibt Seniorin Einkaufskorb an der Haustür

Alte Menschen aus ihrer sozialen Isolation zu holen, kann eine komplexe Aufgabe sein. Dennoch lohnt sich jeder Versuch, ob als Einzelner, als Gruppe oder Institution. Die wichtigsten Dinge sind dabei: den alten Menschen zuzuhören, ihnen Zuneigung zu zeigen, sie zu ihren Problemen zu beraten und für die individuelle Situation passende Hilfe anzubieten. Hier nur ein paar Beispiele:

Im häuslichen Bereich ist eine stärkere Vernetzung all derjeniger gefragt, die sich um den alten Menschen kümmern – von den Angehörigen über Nachbarn und Bekannte bis hin zu Pflegediensten, Ärzten oder Apotheken. Diese Netzwerke können die reduzierten sozialen Bindungen kompensieren und werden in vielen Kommunen und von den Trägern der Wohlfahrtspflege unter dem Stichwort „Caring Community“ vorangetrieben.

Seniorin sitzt vor Laptop

Eine gute Chance, allein lebenden Senioren zumindest zeitweise ein anregendes Umfeld zu bieten, stellt auch die Tagespflege dar. Wichtig ist aber – und das gilt noch stärker für die Vollzeitpflege –, dass gute Ansätze, Tagesgäste und Bewohner aus ihrer Einsamkeit zu holen, z. B. nicht durch starre Strukturen mit festen Zeitkorridoren oder – vor allem für Männer – wenig stimulierende Unterhaltungsprogramme blockiert werden. Die gemeinsame Anwesenheit in einem Raum garantiert allein noch keine sozialen Kontakte.

Auch die Digitalisierung bietet Möglichkeiten. Während einige Wissenschaftler der Meinung sind, dass sie eine Zunahme von Einsamkeit bewirke, sehen andere soziale Medien und Internetanwendungen sie als Chance, älteren Menschen die Möglichkeit zu geben, mit Familie und Freunden zu kommunizieren.

* Im HARTMANN
PflegeDienst 1/2019 wurden die geriatrischen I‘s und ihre Folgen als Schwerpunktthema ausführlich behandelt. Die Ausgabe können Sie hier aufrufen.

Literatur:
DESTATIS Datenreport 2018 - Kapitel 2: Familie, Lebensformen und Kinder
[1] Seite 100
[2] Seite 56