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Bei HARTMANN

„Der Mut beginnt, sobald ich vor die Tür trete“

Vor 4 Jahren überlebte Philipp Bosshard nur knapp einen schweren Unfall, durch den 88 Prozent seiner Haut verbrannten. Seitdem hat sich sein Leben stark verändert. Doch eines bleibt: der Mut, jeden Tag weiterzumachen.

Ein Funke veränderte alles: Bei einem Arbeitsunfall verbrannten 88 Prozent von Philipp Bosshards Haut. Inzwischen lebt der gelernte Schreiner wieder selbstständig in seinem Heimatort Bülach im schweizerischen Kanton Zürich – und steckt sich hohe Ziele. Sein Traum: die Teilnahme bei den Paralympics. Im Interview spricht der 31-Jährige über die Herausforderungen des Alltags und seine Strategie, Tiefschläge als Anlauf zu nutzen.
Philipp Bosshard

Vor vier Jahren überlebten Sie nur knapp einen Arbeitsunfall – der Großteil Ihrer Haut ist seither vernarbt. Was ist damals genau passiert?

Ich habe im Tiefbau gearbeitet und musste eine Vorrichtung in einer Röhre in neun Metern Tiefe anschweißen. Dabei hat sich Sauerstoff durch einen Funken entzündet – und plötzlich begann mein Fuß zu brennen. Zuerst dachte ich, es sei nur ein Funke. Doch dann begann das Inferno. Als ich oben war, fehlte meine komplette Kleidung.

Wann haben Sie die Situation realisiert?

Bevor ich aus der Röhre gehievt wurde, blickte ich an mir herunter und sah, wie mein T-Shirt in Flammen aufging. Da wusste ich, es ist etwas Schlimmes passiert. Aber ich stand natürlich total unter Schock. Draußen sah ich, dass mein rechter Arm aufgeplatzt war – wie eine Wurst auf dem Grill. Da war klar: Entweder mein Leben endet nun oder es wird nie mehr so sein, wie es war. Irgendwann ist die Haut an meiner Stirn über meine Augen gelaufen. Dann setzte der Schmerz ein.

Und darauf folgte eine lange Zeit im Krankenhaus.

Genau. Ich wurde acht Wochen in ein künstliches Koma versetzt. Die geschädigte Haut musste komplett abgezogen werden. Als ich wieder zu mir kam, stand ein Team von Ärzten vor mir. Zu dem Zeitpunkt spürte ich kaum Schmerzen. Ich schaute die Ärzte mit großen Augen an und sie mich auch. Meine größte Sorge war damals, nie wieder Sport treiben zu können. Ich habe das Ausmaß überhaupt nicht begriffen. Die Ärzte wussten natürlich, wie es um mich steht – wollten mich aber nicht entmutigen. Ich hatte damals Hobbys, die körperlich sehr anspruchsvoll waren. Ich liebte das Extrem und sie wussten, dass das nicht mehr gehen würde. Aber: Dank der sehr großen Unterstützung der Ärzte, Pflegekräfte und Physiotherapeuten und vor allem meiner Sportphysiotherapeutin Francesca Brenni kann ich seit einem Jahr wieder alleine Snowboard fahren. Das war mein größtes Ziel. Ich hatte ein paar richtig schöne Tage diesen Winter.


Wie hat es sich angefühlt, wieder auf dem Berg zu stehen?

Mit meiner Sportphysiotherapeutin ging ich im Januar 2017 das erste Mal wieder snowboarden. Das war sehr emotional und hat mir sehr viel Hoffnung und Mut gegeben, größere Ziele zu erreichen. Wäre ich nach den Worten der Ärzte gegangen, müsste ich heute ein Pflegefall sein. Das wollte ich aber nie wahrhaben. Man muss sich Ziele setzen auf einem solch schweren Weg. Heute sind die Ärzte erstaunt über die Leistungen, die ich in meinem neuen Leben vollbringe. Ich schaffe inzwischen auch wieder eine Strecke von 72 Kilometern auf dem Rennrad.

Sie waren zuvor ein Jahr lang an der Uniklinik in Zürich untergebracht. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Die Zeit war extrem schwer für mich. Ich war in Verbände eingepackt wie eine Mumie. Die Schmerzen waren unerträglich. Das war an manchen Tagen so schwer, dass ich nicht mehr leben wollte. Die Suizidgedanken waren mein absoluter Tiefpunkt. Zum Glück habe ich ein großartiges Umfeld: Meine Familie und Freunde haben mir die größte Kraft gegeben. Außerdem hatte ich auf der Intensivstation ein super Betreuungsteam, das für mich zu einer Familie wurde.

Die Zeit nach dem Unfall brachte sicher große Herausforderungen mit sich.

Ich stand vor einem sehr steilen und steinigen Weg – den ich von Anfang an versucht habe, mit viel Zuversicht und größtmöglicher Lebensfreude anzutreten. Mittlerweile wohne ich wieder alleine. Ich muss mir alles etwas tiefer zurechtlegen, da ich meine Arme nicht komplett ausstrecken kann. Auch im achten Stock zu wohnen wäre nicht möglich, weil mir das Treppensteigen schwer fällt. Die größte Veränderung und Einschränkung ist aber die ungewollte Aufmerksamkeit.

Nehmen Sie die Gesellschaft seit Ihrem Unfall anders wahr?

Wenn fremde Leute etwa im Restaurant auf mich treffen, wissen sie oft nicht, wie sie mit mir umgehen sollen – mache ich im Gespräch nicht den ersten Schritt, werde ich ausgegrenzt. Ich muss dann mit viel Mut über meinen Schatten springen und auf sie zugehen, was zu viel Respekt und auch schönem Feedback führt. Die Leute trauen sich einfach nicht, den ersten Schritt zu machen. Das kann ich verstehen, aber es trifft mich auch.

Ihre positive, kontaktfreudige Art spielte bei Ihrer Genesung also eine zentrale Rolle.

Ich war schon immer ein offener Typ. Das hilft mir auch jetzt sehr. Trotzdem ist es extrem schwierig, sich mit solch einem befremdlichen Aussehen nach vorne zu boxen. Der Mut beginnt, sobald ich vor meine Wohnungstür trete. Dann verlasse ich meine Komfortzone, die äußerlichen Narben verinnerlichen sich. Aber man wächst damit. Wenn ich mich isolieren würde, würde ich meine Lebensfreude verlieren.

Haben Sie nach dem Snowboarden schon neue Ziele?

Mein allergrößtes Ziel wäre es, die Paralympics zu erreichen. Am liebsten im Paratriathlon oder Paracycling. Es ist aber nicht einfach, für die Spiele zugelassen zu werden. Ich habe ein kleineres Lungenvolumen bekommen, weil die Narbenhaut so fest um den Brustkorb zieht. Und ich habe keine Thermoregulierung mehr, ich kann nur noch am Kopf schwitzen. Diese innerlichen und für mich starken Einschränkungen werden allerdings nicht anerkannt. Ich schaue nun, für welche Sportart ich eine Klassifizierung bekommen könnte. Ich möchte einfach zeigen, dass alles möglich – und keine Hürde zu groß ist. Mit diesem Ziel vor Augen fällt es mir auch leichter, die unzähligen Bewegungs- und Therapieabläufe durchzustehen, die ich tagtäglich machen muss, damit meine Haut elastisch und meine Beweglichkeit erhalten bleibt.

Inwiefern hat die moderne Medizin bei Ihrer Genesung geholfen?

Ohne sie hätte ich nicht überlebt. Die Chancen lagen unter zehn Prozent. Die Ärzte haben eine Leichenhaut über mich gelegt, um mich am Leben zu halten. In 90 Prozent der Fälle wird diese Haut aber wieder vom Körper abgestoßen – so auch bei mir. In dieser Zeit konnten die Mediziner aus meinen eigenen Hautzellen eine neue Haut für meinen Körper heranzüchten.

Was würden Sie Menschen mit auf den Weg geben, die Ähnliches durchmachen wie Sie?

Ich möchte sie ermutigen, nicht aufzugeben. Das ist der größte Kampf. Positive Erfahrungen nehmen wir oft viel zu wenig wahr, an Negatives hingegen erinnern wir uns sehr deutlich. Ich musste lernen, dass diese unermesslichen Schmerzen und Rückschläge dazugehören und man mit ihnen wachsen kann. Ich habe diese Strategie für mich entwickelt: Jeder Tiefschlag ist ein Schritt zurück, um Anlauf zu nehmen für einen Sprung nach vorne.

Über HARTMANNs 200-jähriges Jubiläum

2018 feiert HARTMANN sein 200-jähriges Jubiläum. Bereits 2017 starteten wir mit dem Countdown zu den offiziellen Feierlichkeiten im Juni 2018. Erfahren Sie in unseren Geschichten, wie unsere Mitarbeiter und Partner dazu beitragen, das Gesundheitswesen voranzubringen und welche Trends und Themen die Gesundheitssysteme bewegen, für die wir uns einsetzen.