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Neue Lebensmodelle, neue Versorgungsformen

Welche Pflegeheime brauchen wir noch?

Die „neue” ältere Generation, für die eine individuelle und selbstbestimmte Lebensführung herausragende Bedeutung hat, erwartet auch neue Formen der Versorgung. Wird eine vollstationäre Altenpflege zukünftig noch notwendig sein und welche Herausforderungen kommen auf die Träger zu? Mit dieser Frage beschäftigten sich die Experten beim HARTMANN Zukunftsforum 2018.

von der HARTMANN Online-Redaktion

Tagespflege, Mehrgenerationenwohnen oder Seniorenwohngemeinschaften – immer neue Formen der Versorgung im Alter entstanden in den letzten Jahren gemäß dem Primat „ambulant vor stationär”.  Eines dieser Modelle stellte Dr. Eric Hamann, der CEO von ORPEA Deutschland, beim HARTMANN Zukunftsforum vor, bei dem er gemeinsam mit Markus Mattersberger, dem Präsidenten von Lebenswelt Heim, dem Bundesverband der Alten- und Pflegeheime Österreichs, auf dem Podium stand.

Diskussionsrunde Zukunftsforum Lebensmodelle - neue Versorgungsformen
Hermann
Dr. Eric Hamann, CEO von ORPEA Deutschland
Auf dem ORPEA Campus in Dortmund wächst das Angebot von altersgerechten Eigentums- und Mietwohnungen mit den Anforderungen der Bewohner mit: von zahlreichen Zusatzservices über die ambulante Pflege und Tagespflege bis hin zu einer vollstationären Pflege. Wichtig sind laut Hamann dabei Kriterien wie die Architektur und die zusätzlichen Angebote wie Fitness- und Wellnesseinrichtungen. Und entscheidend ist die Lage, denn solch ein Campus müsse mitten im Leben stehen, wie es Hamann formuliert. Das habe natürlich auch seinen Preis, aber Hamann ist überzeugt, dass sich rund 60 % der Menschen dies leisten könne – und selbstverständlich werde es auch weiterhin „normale Altenheime“ geben.

Wichtig sei aber bei allen Angeboten, dass neue Wege in Richtung Standardisierung und Digitalisierung gefunden werden, nicht zuletzt, um mehr Zeit für die Zuwendung für die Bewohner zu finden.
Mattersberger
Markus Mattersberger, Präsident von Lebenswelt Heim, dem Bundesverband der Alten- und Pflegeheime Österreichs
Dies hält auch Markus Mattersberger für den zentralen Punkt. Zwar habe das Pflegeheim per se keine gute Wahrnehmung in der Gesellschaft. Als „soziales Hybridwesen“ müsse es aber den Zwiespalt zwischen den Erfordernissen der Einrichtung und den Bedürfnissen und Anforderungen der Bewohner meistern. Auf der einen Seite wollen Bewohner unabhängig sein, aber zugleich sei der Mensch ein soziales Wesen und nur in einem Pflegeheim gebe es für ihn Sicherheit und soziale Interaktion ohne das Gefühl, jemandem zur Last zu fallen.

Die Diskussion drehte es sich auch um den Punkt, ob bei renditeorientierten Anbietern eine gute Versorgung sichergestellt sei. Für Markus Mattersberger ist das aber nicht die entscheidende Frage: „Ich habe nichts gegen Unternehmen, die Geld verdienen möchten“. Die Qualität müsse aber stimmen, denn die Menschen brauchen Zuwendung. Der Ansatz der Politik, Pflege müsse billiger werden, sei für ihn daher der falsche Zugang.
Erik Hamann legt den Fokus damit auf die Wahlmöglichkeiten seiner Kunden, Mieter und Bewohner, denn nur sie selbst wüssten, was sie wirklich an Angeboten möchten. Zugleich nennt er Zahlen: Über 200.000 Pflegeheimplätze seien älter als 30 Jahre und nicht mehr auf aktuellem Stand und zugleich würden 12.000 bis 14.000 neue Plätze benötigt. „Bund und Länder können das bestimmt nicht besser als private Anbieter“, meint er.

Gibt der Mensch beim Umzug in ein Pflegeheim seine Würde an der Tür ab, wie es oft heißt? Darum drehte sich der zweite Teil der Diskussion, bei der Teilnehmer aus dem Publikum mehr Normalität, Häuslichkeit und Teilhabe anmahnten. Letzteres gelte sowohl für Bewohner als auch das bisherige informelle ambulante Pflegenetz, das mit dem Umzug ins Pflegeheim oft zerstört wird. „Institutionelle Mauern einreißen“ lautet die Forderung und es wurde darüber diskutiert, ob es wie in Dänemark funktionieren könnte, wo es überhaupt keine Pflegeheime mehr gebe und alte Menschen in Wohnungen gepflegt würden.

So hitzig die Diskussion aber auch war, so eng lagen eigentlich doch die Meinungen am Ende beieinander. So gehe der Trend eindeutig in Richtung Wohngruppen und Hausgemeinschaftskonzepten in einer kleinteiligen Gestaltung und mit Bezug zum umgebenden Quartier. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass dies wegen der damit höheren Personalintensität auch finanziell machbar ist. Die Gesellschaft hat sich gewandelt und es gibt eine gewaltige Nachfrage. Die Frage für die Gesellschaft ist also: Was wollen wir und was ist finanzierbar?

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