Was leisten Medikamente bei Harninkontinenz?

Bei leichter Stressinkontinenz und vor allem bei Dranginkontinenz lassen sich die verschiedenen Beschwerden durch Medikamente lindern. Die Inkontinenz wird dadurch nicht geheilt.

Der Erfolg der medikamentösen Therapie zur Behandlung einer Harninkontinenz wird meist überschätzt. Bisher stehen keine Medikamente zur Verfügung, die jeweils gezielt auf die Blase oder das Schließmuskelsystem wirken. Grundsätzlich ist zu beachten, dass alle in Frage kommenden Medikamente Nebenwirkungen haben. Um diese gering zu halten, ist die individuell richtige Dosierung für den Patienten von großer Bedeutung.

Das Problem der Nebenwirkung betrifft vor allem ältere Patienten, die unter mehreren Erkrankungen gleichzeitig leiden (Multimorbidität). Wenn verschiedene Medikamente eingenommen werden müssen, kann es zu riskanten Überschneidungen der Wirkstoffe kommen. Daher ist  Selbstmedikation auf jeden Fall zu vermeiden.

Wichtige Wirkstoffe und Medikamentengruppen

Wichtige Wirkstoffe und Medikamentengruppen

Für die unterschiedlichen Formen und Schweregrade der Harninkontinenz stehen Ihrem Arzt verschiedene pharmazeutische Wirkstoffe zur Verfügung:

  • Der Wirkstoff Duloxetin wurde als Antidepressivum zur Therapie von Depressionen und Angststörungen entwickelt. Mittlerweile wird der Wirkstoff auch zur Behandlung der Stress-/Belastungsinkontinenz eingesetzt. Duloxetin bewirkt – vereinfacht ausgedrückt – dass sich der innere Schließmuskel stärker zusammenzieht und dadurch mehr Druck von der Blase aushalten kann, ohne dass Urin abgeht.
  • Zur medikamentösen Behandlung der Dranginkontinenz durch eine überaktive Blase (Overactive Bladder, OAB) werden als häufigste Standardtherapie sogenannte Anticholinergika wie beispielsweise Oxybutynin, Tolterodin, Propiverin oder Trospiumchlorid eingesetzt. Sie reduzieren die Überaktivität des Blasenmuskels, wodurch es zu einer Besserung des ständigen Harndrangs mit häufigem Wasserlassen bei Tag und in der Nacht kommt.
  • Antibiotika werden zur Ausheilung von Harnwegsinfekten bzw. von Blasenentzündungen eingesetzt. Fällt der Reiz durch die Infektion weg, können sich auch die Symptome einer Harninkontinenz bessern, so beispielsweise der quälende Harndrang bei einer überaktiven Blase.
  • Zur Behandlung leichterer Formen der Stress-/Belastungsinkontinenz bei Frauen stehen Östrogene zur Verfügung. Sie erhöhen die Gewebespannung der Harnröhre und die Durchblutung des Gewebes rund um die Harnröhre, sodass die Blasenentleerung willentlich besser kontrolliert werden kann.

Wie wirken Anticholinergika bei Dranginkontinenz?

Wie wirken Anticholinergika bei Dranginkontinenz?

Nerven übertragen Signale, die die zunehmende Blasenfüllung und den Harndrang melden. Gelangen diese Signale vom Gehirn wieder zur Blase, setzen sie an den Nervenendigungen die Substanz Acetylcholin frei. Diese Substanz wandert zu bestimmten Bereichen in der Wand der Muskelzellen, aus denen die Blase besteht. Dort wird Acetylcholin an sogenannte Rezeptoren gebunden, d. h. Acetylcholin passt wie ein Schlüssel zum Schlüsselloch (A). Diese Verbindung bewirkt dann, dass sich die Muskelzellen zusammenziehen. Geschieht dies im gesamten Blasenmuskel, so kommt es zu einer Harnentleerung.

Eine bestimmte Gruppe von Medikamenten – die Anticholinergika – wirken nun dadurch, dass sie ebenfalls in das „Schlüsselloch” an der Wand der Muskelzellen passen. So blockieren sie die Rezeptoren und das vom Körper freigesetzte Acetylcholin kann nicht mehr wirken (B). Die Fähigkeit der Blase, sich zu kontrahieren, lässt nach und die zeitlichen Abstände zwischen dem Wasserlassen verlängern sich

image

 Graphik Wirkungsweise von Anticholinergika

A     Das Andocken von Acetylcholin bewirkt eine Kontraktion der Blasenwand
B     Anticholinergika verhindern das Andocken von Acetylcholin