Senior mit Enkelin auf einer Bank

Wie entsteht eine Harninkontinenz?

Zur Entleerung der Harnblase ist ein komplizierter Regelmechanismus erforderlich, der das Zusammenspiel der Harnblase, eines Schließmuskelsystems am Harnröhrenausgang und dem Nervensystem steuert. Ist das Zusammenspiel an einer oder sogar mehreren Stellen gestört, kommt es zur Inkontinenz.

Details zur Anatomie und Funktion des unteren Harntrakts

Grafik eines Rumpfes mit Organen und ableitenden Harnwegen

Der Urin, auch Harn genannt, wird in den Nieren gebildet und über die ableitenden Harnwege ausgeschieden. Zu den ableitenden Harnwegen zählen die beiden Nieren (Kelche und Nierenbecken) und Harnleiter sowie Harnblase und Harnröhre.

Die Harnblase hat dabei die Besonderheit, nicht nur Entleerungsorgan, sondern auch Speicherorgan zu sein. Sie ermöglicht uns entleerungsfreie Intervalle, deren Bedeutung denjenigen Menschen schnell bewusst wird, die unfreiwillig Urin verlieren, dementsprechend inkontinent sind.

Harnbildung und Harnausscheidung sind für den Organismus lebenswichtige Vorgänge, die folgenden Zwecken dienen: der Absonderung der sogenannten „harnpflichtigen“ Stoffe aus dem Blut (das sind Endprodukte aus den Stoffwechselvorgängen, die vom Körper nicht mehr gebraucht werden bzw. für ihn schädlich sind), der Regulierung des Flüssigkeitshaushaltes des Körpers sowie der Sicherung des Säure-Basen-Gleichgewichts im Organismus.

Die Menge des gebildeten Urins ist naturgemäß von verschiedenen Faktoren abhängig. So beispielsweise von der Funktionsfähigkeit der Nieren, der aufgenommenen Flüssigkeit und davon, wieviel Flüssigkeit über Schweiß durch die Haut, über Wasserdampf durch die Lungen und über den Wasseranteil im Stuhl ausgeschieden wird. Mittelwert ist beim Erwachsenen eine Urinmenge von 1 bis 1,5 Liter pro Tag.

Hinweis: Mit dem Harn werden nicht nur Stoffwechselendprodukte und Wasser aus dem Körper entfernt, auch viele Krankheiten hinterlassen ihre Spuren im Harn. Die labormäßige Untersuchung des Urins liefert deshalb wichtige Informationen über die verschiedensten Funktionen des Körpers und seinen gesundheitlichen Zustand. 

Darstellung des Verschlusssystems einer Blase
Die Harnblase ist ein sehr dehnbarer, kugelförmiger Hohlmuskel, in den auf beiden Seiten die Harnleiter einmünden, die dem Harntransport dienen. Am unteren Ende, dem Blasenhals, geht die Harnblase mit spiralig angeordneten Muskelzügen in die Harnröhre über, die schließlich durch den Beckenboden nach außen tritt.

Die spiralig angeordneten Muskelzüge am Blasenhals werden als innerer Schließmuskel bezeichnet und arbeiten sozusagen automatisch (oder in der Fachsprache „reflexgesteuert“). Der Beckenboden ist wie ein umgedrehter Regenschirm zwischen den Beckenknochen aufgespannt und trägt die Blase und andere Organe des unteren Bauchraums. Die Beckenbodenmuskulatur formt mit mehreren Muskelbündeln den äußeren Schließmuskel, der dem Willen unterworfen ist und damit bewusst kontrollierbar ist. Beide zusammen – der innere Schließmuskel am Blasenhals und der äußere Schließmuskel im Beckenbodenbereich – gewährleisten den Verschluss der Harnblase.

Der untere Harntrakt – Blase, Harnröhre und Verschlusssystem – hat zwei Aufgaben zu erfüllen: die Urinspeicherung und die kontrollierte Urinentleerung (Miktion). Hierfür ist neben einer intakten Blasen- und Schließmuskulatur eine funktionierende Nervenversorgung erforderlich.

Was bei der Blasenentleerung geschieht

Toilettensymbol Mann und Frau
Füllt sich die Blase während der Speicherphase, bemerken wir das nicht. Grund dafür ist die sehr elastische Blasenwandmuskulatur, der sogenannte Detrusor, der eine Füllung ohne Drucksteigerung ermöglicht. Das Schließmuskelsystem am Harnröhrenausgang ist während der Füllungsphase geschlossen.

Die zunehmende Blasenfüllung löst verstärkt Nervenimpulse der Blase aus. Diese gelangen über die Nervenbahnen im Rückenmark zum sogenannten Miktionszentrum im Hirnstamm und von dort zu höheren Hirnzentren. Sobald diese Nervenimpulse eine bestimmte Stärke erreicht haben, werden sie von uns als Harndrang wahrgenommen – beim gesunden Menschen meist mit Erreichen des Fassungsvermögens der Harnblase von etwa 300-500 ml.

Sind Ort und Zeit günstig, können wir die Blasenentleerung jetzt bewusst mit unserem Willen einleiten. Durch die entsprechenden „Befehle“, die jetzt in umgekehrter Reihenfolge wieder über das Rückenmark zur Blase gelangen, zieht sich die Blasenmuskulatur zusammen – sie kontrahiert – und treibt den Urin aus.

Gleichzeitig mit der Kontraktion öffnet sich der innere Schließmuskel im Blasenhals. Zudem erschlafft die Beckenbodenmuskulatur, wodurch sich auch der äußere Schließmuskel öffnet. Zur Verstärkung des Harnstrahls kann zusätzlich die Bauchpresse betätigt werden.

Beim gesunden Menschen kann die Blase in der Regel vollständig, bis auf eine normale Restmenge von max. 30 ml entleert werden. Die Kontrolle über das Miktionszentrum versetzt uns aber auch in die Lage, den Harndrang zu unterdrücken oder eine Blasenentleerung auch ohne Harndrang einzuleiten.

Ursachen für Störungen der Blasenentleerung

Darstellung einer Entleerungsstörung der Blase

Diese vereinfachte Darstellung der Blasenentleerung lässt erahnen, wie störanfällig der Vorgang sein kann. Es sind vor allem vier Konstellationen, die unkontrollierten Harnabgang zur Folge haben können.

  • Das Schließmuskelsystem hat nicht mehr genügend Verschlusskraft [1]
  • Die Blasenmuskulatur kontrahiert zu viel oder gar nicht mehr.[2]
  • Ein Abflusshindernis in oder außerhalb der Harnröhre behindert die Entleerung.[3]
  • Die Übermittlung der Nervenimpulse zwischen Blase, Rückenmark und Gehirn ist ganz gestört oder teilweise beeinträchtigt.[4]

All diese Funktionsstörungen werden wiederum durch die unterschiedlichsten Ursachen ausgelöst. Schuld sein können beispielsweise Harnwegsinfektionen, Beckenbodenschwäche, Prostatavergrößerungen, degenerative (rückbildende, abbauende) Veränderungen im Gehirn, Stoffwechselerkrankungen, Rückenmarksverletzungen oder Auswirkungen von Medikamenten.

Die einzelnen Funktionsstörungen sind auch die Grundlage für die Einteilung der Harninkontinenz in verschiedene Formen. Die Form der Inkontinenz zu erkennen (zu diagnostizieren) ist deshalb so wichtig, weil dem Betroffenen nur dann wirkungsvoll geholfen werden kann, wenn die Ursache seines Leidens bekannt ist.

Häufigste Formen der Harninkontinenz

Bei der Harninkontinenz werden im Allgemeinen drei Formen unterschieden.

Stressinkontinenz (Belastungsinkontinenz)

Von der Stressinkontinenz, die heute auch als Belastungsinkontinenz bezeichnet wird, sind fast ausschließlich Frauen betroffen. Bei einer Belastungsinkontinenz ist die Verschlusskraft des Schließmuskelsystems am Harnröhrenausgang so herabgesetzt, dass sie einem plötzlichen Druckanstieg bei körperlicher Belastung (was hier auch als „Stress" für den Beckenboden bezeichnet wird) in der Blase nicht mehr standhalten kann. Urin geht unfreiwillig ab.

Die Situationen, die zu diesem plötzlichen Druckanstieg führen, sind – auch jüngeren Frauen – nur allzu gut bekannt: Niesen, Husten, Lachen oder heftige körperliche Bewegungen.

Ursache für die Schließmuskelschwäche ist in den meisten Fällen eine Erschlaffung der Beckenbodenmuskulatur, ausgelöst beispielsweise durch vaginale Geburten, Hormonmangel in den Wechseljahren oder allgemeinen Muskelschwund im Alter

Dranginkontinenz

Hierbei handelt es sich um eine Überaktivität der Blasenwandmuskulatur. Sie zieht sich übermäßig oft zusammen und löst selbst bei geringem Füllungsgrad der Blase Harndrang aus. Ursachen für diese Überaktivität sind beispielsweise psychischer Stress (kennt jeder, dass man bei Anspannung plötzlich dringend auf die Toilette muss), Nervenerkrankungen, Harnwegsinfektionen, Blasensteine oder Tumoren.

Eine exakte Ursachenerklärung ist deshalb für die Behandlung von größter Bedeutung. In leichteren Fällen bestehen anfangs nur die Symptome einer „Reizblase" mit dem lästigen Zwang zum häufigen Wasserlassen. Der Urin kann jedoch noch gehalten werden. Nehmen die Beschwerden zu, entsteht ein starker Harndrang, der mit dem Willen nicht mehr beherrscht werden kann und zur Inkontinenz führt. Dabei kann sich die Blase ganz oder teilweise sturzbachartig entleeren, was für den Betroffenen ein besonders schlimmes Erlebnis ist.

Überlaufinkontinenz
Davon sind vor allem ältere Männer betroffen. Denn die Ursache ist in den meisten Fällen eine Einengung der Harnröhre durch eine altersbedingte Vergrößerung der Prostata. Durch die Blockierung der Harnröhre staut sich der Urin in der Blase und überdehnt allmählich die Blasenwandmuskulatur. Der durch die große Urinmenge aufgebaute Druck in der Blase überwindet schließlich die Harnröhrenenge und Urin geht ständig tröpfelnd ab. Die Einengung der Harnröhre kann aber auch zu einem Harnverhalt führen. Dies ist ein urologischer Notfall, der sofort durch Katheterisierung zu beheben ist.

Mischformen der Harninkontinenz im Alter und ihre Ursachen

Grundsätzlich hat die Harninkontinenz bei älteren Menschen die gleichen Ursachen wie bei jüngeren Menschen. Häufig finden sich im Alter jedoch mehrere Ursachen gleichzeitig, sodass sich daraus Mischformen entwickeln, die nicht immer einfach zu diagnostizieren sind. Im Wesentlichen können drei Ursachenbereiche genannt werden, die das Risiko, im Alter inkontinent zu werden, erheblich ansteigen lassen.

Harninkontinenz: Ursachenbereich natürliche Altersveränderungen

Reduzierte Nierenleistung
Für die Kontinenzleistung sind vor allem die Veränderungen der Nieren und des Harntraktes von Bedeutung. Mit fortschreitendem Alter sinkt die Filtrationsleistung der Nieren beträchtlich. Im Durchschnitt arbeitet die Niere bei einem Menschen von 60 Jahren nur noch halb so effizient wie bei einem 30-Jährigen.
Veränderter Rhythmus der Urinproduktion
Während jüngere Menschen den meisten Urin am Tag produzieren und nur relativ wenig in der Nacht, produzieren alte Menschen nachts oft genauso viel Urin – oder sogar noch mehr – als am Tag. Besonders ausgeprägt ist der veränderte Produktionsrhythmus bei verwirrten, dementen Menschen.
Reduziertes Fassungsvermögen der Harnblase
Alte Menschen müssen deswegen häufiger zur Toilette und verspüren stärkeren Harndrang bei deutlich verkürzter Drangzeit – ohne dass eine echte Dranginkontinenz vorliegt.
Beeinträchtigte Fähigkeit zur vollständigen Blasenentleerung
Die Abnahme der Kontraktionskraft der Blasenwandmuskulatur führt dazu, dass der Urin nur unvollständig entleert wird und Restharn in der Blase verbleibt. Dies kann zu Blaseninfektionen und häufigen Toilettengängen führen. Bei Männern kann aber auch eine Einengung der Harnröhre durch eine vergrößerte Prostata Ursache der Restharnbildung sein.
Geschlechtsspezifische Veränderungen
Ein Prostatawachstum bei Männern kann zur Überlaufkontinenz führen, die entsprechend ihrer Ursache auch als „Inkontinenz bei chronischer Harnretention“ bezeichnet wird. Bei Frauen begünstigt der zunehmende Östrogenmangel in der Postmenopause die Entwicklung einer Stressinkontinenz.

Harninkontinenz: Ursachenbereich (Alters)krankheiten

Direkte Auswirkungen von Krankheiten
Alle Krankheiten, die das Nervensystem und Gehirn betreffen stören direkt den komplizierten Mechanismus der Blasenentleerung mit der Folge zum Beispiel von Dranginkontinenz oder der sog. neuropathischen Blase. Solche Erkrankungen sind beispielsweise Diabetes mellitus (hier findet sich eine Harninkontinenz bis zu 40 %, eine Stuhlinkontinenz bis zu 20 %), Parkinson-Krankheit, Multiple Sklerose, Schlaganfall und die verschiedensten Formen der Demenzerkrankungen. Typisch für diese Erkrankungen ist auch der zunehmende Verlust der Mobilität, sodass hier viele inkontinenzauslösende Ursachen zusammentreffen.
Indirekte Auswirkungen von Krankheiten
Dazu zählen vor allem Erkrankungen und altersbedingte Defizite, die die körperliche Mobilität eines Menschen beeinträchtigen, beispielsweise Polyarthritis, Arthrose, das Nachlassen der Sehkraft, aber auch demenzielle Erkrankungen. Obwohl keine körperlichen Störungen des unteren Harntraktes vorliegen, kommt es häufig zur sog. funktionellen Inkontinenz, weil eine Toilette einfach nicht mehr schnell genug erreicht werden kann.
Auswirkungen von Medikamenten
Das gleichzeitige Vorliegen mehrerer Krankheiten – was als Multimorbidität bezeichnet wird – erfordert zur Behandlung zumeist auch die Einnahme mehrerer Medikamente. Dabei können die Auswirkungen eines einzelnen Medikamentes, aber auch die sich überschneidenden Wirkungen verschiedener Medikamente die Inkontinenz verstärken bzw. Inkontinenz sogar ursächlich auslösen.
Auswirkungen der Psyche
Neben den körperlichen Ursachen kann Inkontinenz ihre Ursachen in Angst, Schmerz, Einsamkeit oder Sinn- und Lebenskrisen haben. Manchmal stellt Inkontinenz sogar eine Art „Daseinstechnik“ dar, mit der unbewusst nach Zuwendung und Beachtung gesucht wird. Niemals darf jedoch wegen einer vermuteten psychischen Komponente auf die ärztliche Untersuchung verzichtet werden.

Harninkontinenz: Ursachenbereich Umweltbedingungen

Praktische Umstände
Hier sind so manche Punkte aufzuführen, die dem Erhalt der Kontinenz bzw. einer wirksamen pflegerischen Betreuung im Wege stehen: ungünstig gelegene Toiletten, beschwerliche Zugänge, keine behindertengerechte Toilettenausstattung oder schwer und nicht schnell genug zu öffnende Kleidung. In vielen Fällen wären jedoch solche kontinenzfeindlichen Umstände ohne größeren Aufwand zu beheben.
Soziales Umfeld
Trotz aller Aufklärungsbemühungen ist Harninkontinenz immer noch ein Tabuthema. Daraus ergeben sich für den Betroffenen selbst, aber auch die Angehörigen eine Reihe psychosozialer Probleme, wie sie bereits eingangs zu diesem Kapitel beschrieben wurden. Eine Professor für Geriatrie (Altersmedizin) hat es einmal so ausgedrückt: „Die Harninkontinenz ist eine «tabuisierte Epidemie», die aufgrund ihrer Altersabhängigkeit ungebrochen wächst. Realistisch betrachtet, stellt sie bereits heute eine der großen medizinischen, aber auch sozialpolitischen Herausforderungen dar, deren Ausmaß sich in der nahen Zukunft durch die Bevölkerungsentwicklung hin zur Überalterung drastisch erhöhen wird“.