Digitalisierung, demographischer Wandel, Globalisierung und Fachkräftemangel – diese Trends treffen auch das deutsche Gesundheitswesen und stellen alle Beteiligten vor große Herausforderungen. Wie werden Medizin und Pflege, Krankenhäuser und Apotheken, Arztpraxen und Pflegeheime in zehn oder gar zwanzig Jahren aussehen?

Diese spannenden und für uns alle höchst relevanten Themen wurden beim HARTMANN Zukunftsforum am 13. Juni in Heidenheim erörtert. Gemeinsam mit Kunden wurden Zukunftsperspek­tiven für das Gesundheitswesen und Lösungen für die drängenden gesundheitspolitischen Herausforderungen der Zukunft diskutiert. Wichtigen Input für engagierte und bestimmt auch kontroverse Debatten lieferten Zukunftsforscher Sven Gábor Jánszky und Moderator Dr. Eckart von Hirschhausen sowie zehn Impulsreferate von hoch­karätigen Branchen­experten.

Dr. Eckart von Hirschhausen eröffnet mit Bekenntnis zu Pflegekräften

„Das Zukunftsforum ist Plattform und Impulsgeber zugleich. Wir initiieren Diskussionen, welche die Gesundheitswirtschaft voranbringen sollen“, sagt Andreas Joehle, CEO der HARTMANN GRUPPE. Mit provokanten Worten stieg hier der Arzt und Moderator Dr. Eckart von Hirschhausen in das HARTMANN Zukunftsforum ein. „Woher kommt dieses absurde Verhältnis zwischen Ärzten und Pflegenden in Deutschland? Warum bilden sich die Ärzte immer noch so viel drauf ein, dass sie was Besseres sind?“ In seinem Rückblick auf 200 Jahre Medizingeschichte sparte er nicht mit Kritik: „Wir haben viel verloren, was die Medizin ausmacht – der Patient ist vom Subjekt zum Objekt geworden. Wir haben vergessen, dass Zuwendung maßgeblich heilt.“ Die Zukunft der Medizin liege im Miteinander. Doch die Sinnstiftung finde oft nicht mehr statt. „Pflegekräfte müssen sich als wirksamer Teil des Ganzen sehen“, sagte von Hirschhausen. Schließlich sind vor allem sie es, die Patienten Zuspruch geben.

Sven Gábor Jánszky beim HARTMANN Zukunftsforum 2018

Auf den Faktor Mensch kam auch der Trendforscher Sven Gábor Jánszky vom Think Tank 2b AHEAD bei seinem anschließenden Blick in die Zukunft der Gesundheit zu sprechen. In vielen Branchen werde es einen Bedeutungsverlust des Expertenwissens geben, denn die Welt ist signifikant intelligenter geworden. „Wissen allein verkauft sich nicht mehr – man muss es um Menschlichkeit ergänzen, hin zum Coach.“ Selbst die Digitalisierung ergebe nur dann Sinn, wenn sie dem Menschen nutze. Etwa eine Software, die Krebs schneller erkennt.

HARTMANN Zukunftsforum 2018 - Franz Wagner, Präsident des Deutschen Pflegerates (DPR) und Dr. Ralf Suhr, Vorstandsvorsitzender des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP)

Nach der Eröffnung durch Dr. Eckart von Hirschhausen und Sven Gábor Jánszky diskutierten die Teilnehmer in fünf Themenrunden aktuelle Fragestellungen des deutschen Gesundheitssystems. Auffallend war, dass die derzeitige Pflegedebatte übergreifend die Gespräche stark beeinflusste. Dass Pflegekräften mehr Verantwortung zukommt und der gesamte Berufsstand aufgewertet werden muss, ist Konsens. Es geht aber auch um eine neue Pflegeausbildungsordnung in Richtung der Generalistik. Ebenso gilt es die Ausbildung hin zur Akademisierung zu öffnen, mehr Autonomie zu ermöglichen und Allianzen zu schmieden, um dem Personalmangel zu begegnen. Denn die Situation ist kritisch: Laut aktuellem HARTMANN Pflexit-Monitor dachten 54 % der deutschen Pflegekräfte zuletzt über den Berufsausstieg nach.

Der Präsident des Deutschen Pflegerats (DPR), Franz Wagner, ging noch einen Schritt weiter: „Wir brauchen deutlich mehr Personal und eine Zusage politisch, dass wir in den nächsten Jahren für alle Versorgungsbereiche von Krankenhaus, ambulant und Langzeitpflege stationär in einem absehbaren Zeitraum 100.000 Stellen mehr schaffen.“ Allerdings müssten Pflegekräfte nun auch mit einer Stimme sprechen, ihr eigenes Selbstwertgefühl stärken und mit Stolz auf ihren sinnstiftenden Beruf blicken.

Innerhalb der Pflege gibt es kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem. Und das bedarf einer schnellen Lösung. Denn der öffentliche Druck steigt. Aber auch die Anerkennung. Die Wertschätzung dieses Berufs ist auch dem Arzt von Hirschhausen wichtig. „Es müssen attraktive Bedingungen geschaffen werden, damit die zurückkehren, die bereits ausgestiegen sind. Viele sind nur sieben oder acht Jahre in ihrem Beruf. Wir müssen es schaffen, dass sie lebenslang glücklich sind.“ Dabei setze er auf Interprofessionalität und gemeinsames Lernen. Außerdem wünscht er sich, dass sich mehr Ärzte mit der Pflege solidarisch erklären.

Politik muss für bessere Rahmenbedingungen sorgen

Im Austausch der privaten und gemeinnützigen Klinikträger herrschte Einigkeit darüber, dass die Wertschätzung der Mitarbeiter, vor allem der Pflegekräfte, und das Vorantreiben des Patientenwohls von zentraler Bedeutung sind. Bei dem Spagat zwischen Ökonomie und Medizin, die Effizienz stets im Blick, stehen beide Seiten vor schwierigen politischen Rahmenbedingungen – haben aber unterschiedliche finanzielle Aktionsmöglichkeiten.

In der Diskussionsrunde zur schwierigen medizinischen Versorgung in strukturschwachen Gebieten Deutschlands ging es zunächst um den Landärztemangel. Im Idealfall laufen beim Hausarzt alle Fäden der Gesundheit eines Patienten zusammen. Doch schon heute fehlen 2.500 Hausärzte – und in spätestens 10 Jahren fallen weitere 50 % der Hausärzte weg, weil sie in den Ruhestand gehen. Umso wichtiger ist es, die Rolle des Hausarztes zu stärken und beim Nachwuchs schon während des Studiums für das Fachgebiet Allgemeinmedizin zu werben oder über Stipendien Anreize zu schaffen.

Zur Rückkehr motivieren – Digitale Infrastruktur ausbauen

„Wir müssen mehr junge Leute erreichen, zum Beispiel indem man ihnen die Möglichkeit bietet, im Studium in einer Hausarztpraxis mitzuarbeiten“, fordert der Geschäftsführer von HARTMANN Deutschland, Dr. Chima Abuba. Allerdings wird kein Mediziner in eine Kommune mit schlechter Infrastruktur gehen – und auch die Möglichkeiten der Telemedizin bringen nichts ohne ein schnelles Internet. Letztlich kam als mögliche Maßnahme für eine bessere Versorgung in der Fläche die Substitution von Aufgaben der Ärzte durch Pflegekräfte zur Sprache – etwa Hausbesuche oder die Wundversorgung. Bei der Übertragung heilkundlicher Tätigkeiten sind England und Finnland bereits wesentlich weiter, auch da die Pflegekräfte dort über einen höheren Berufsstatus verfügen.

HARTMANN treibt Maßnahmen für Pflegekräfte voran – Initiative angekündigt

Andreas Joehle betonte bei seiner Rede in der folgenden Abendveranstaltung vor 600 Gästen, dass er auch das Unternehmen HARTMANN in der Verantwortung sieht, die Situation in der Pflege zu verbessern. „Wir sehen großes Potenzial darin, die Pflegekräfte, die den Beruf verlassen haben, wieder zur Rückkehr zu motivieren. Nur dann bekommen wir eine Pflege, die wir als Gesellschaft dringend benötigen und uns wünschen.“ Das Engagement endet nicht mit dem Zukunftsforum, im Gegenteil: Bis Ende 2018 bringt HARTMANN eine „Pflege-Offensive“ auf den Weg und wird hierzu mit dem Deutschen Pflegerat um Franz Wagner in die Planung einsteigen. Diese Gespräche werden definieren, wie HARTMANN eine nachhaltige Unterstützung für die Pflege in Deutschland und global sein kann. „HARTMANN ist ein Teil des Gesundheitssystems und auch wir müssen einen Beitrag zur Verbesserung leisten. Dies war immer unser Antrieb – nicht nur gestern, sondern auch in Zukunft,“ berichtet Andreas Joehle abschließend.

Die Highlights in Bildern und das Wichtigste aus den Themenrunden

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