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Fontane-Studie: Telemedizin rettet Leben von Herzpatienten

In der fünfjährigen „Fontane-Studie“ der Charité Berlin wurde erstmals nachgewiesen, dass die telemedizinische Mitbetreuung das Leben von Herzpatienten verlängern kann. Zudem ist die Telemedizin gleichermaßen für Patienten im ländlichen Raum und in Metropolregionen geeignet.

von der HARTMANN Online-Redaktion 04.09.2018

Rund 1,8 Millionen leiden an einer chronischen Herzinsuffizienz, jährlich kommen rund 300.000 Neuerkrankungen hinzu. In den vergangenen zehn Jahren war sie die häufigste Ursache für stationäre Aufnahmen. Im Rahmen des Forschungsprojekts „Gesundheitsregion der Zukunft Nordbrandenburg – Fontane“ wurden vom Zentrum für kardiovaskuläre Telemedizin der Charité mehr als 1.500 Patienten mit dieser Herzerkrankung untersucht. Die Hälfte von ihnen wurde telemedizinisch mitbetreut, die ander Hälfte blieb konventionell behandelt. Die ärztliche Betreuung der Patienten am Wohnort wurde bundesweit durch 113 kardiologische und 87 hausärztliche Einrichtungen gewährleistet.

Ziel der Studie war es, die Patienten möglichst lange außerhalb eines Krankenhauses behandeln zu können und die Lebenserwartung sowie die Lebensqualität zu erhöhen. Zudem sollte überprüft werden, ob Telemedizin strukturelle Defizite der medizinischen Versorgung auf dem Land gegenüber städtischen Regionen ausgleichen kann.

Studienergebnisse zeigen: Telemedizin wirkt


Die Studienergebnisse zeigen, dass die Telemedizinpatienten weniger Tage aufgrund von ungeplanten kardiovaskulären Ereignissen im Krankenhaus verbringen mussten und länger lebten: Bezogen auf die einjährige Studiendauer „verloren“ sie 17,8 Tage im Vergleich zu 24,2 Tagen in der Kontrollgruppe. Zudem starben von 100 Herzinsuffizienzpatienten in einem Jahr unter den regulären Bedingungen etwa 11 Patienten, mit telemedizinischer Mitbetreuung hingegen etwa 8 Patienten. Auch bei den ungeplanten Krankenhaustagen wegen Herzinsuffizienz gab es mit 3,8 gegenüber 5,6 Tagen einen Vorteil für die Telemonitoring-Gruppe.

Diese Ergebnisse wurden unabhängig davon erreicht, ob der Patient in einer strukturschwachen ländlichen Gegend oder in einer Metropolregion lebte. Damit eignet sich die Telemedizin, um regionale Versorgungsunterschiede zwischen Stadt und Land auszugleichen und die Versorgungsqualität insgesamt zu verbessern.

Zu den Ergebnissen stellte Professor Dr. Ulrich Frei, Ärztlicher Direktor der Charité, fest: „Wir waren von Anfang an von diesem zukunftsweisenden Projekt überzeugt und freuen uns umso mehr, dass die Ergebnisse so überaus positiv sind. Das telemedizinische Angebot dient in erster Linie den Patienten, es stärkt aber auch die Hausärzte in ländlichen Regionen, die dort hauptsächlich die Versorgung von Herzpatienten übernehmen. Das Resultat zeigt, dass die Telemedizin die Qualität der Patientenversorgung sichert – und das unabhängig vom Wohnort. Darüber hinaus ist sie ein herausragendes Beispiel, wie hausärztliche Versorgung und universitäre Forschung der Charité ganz praxisnah und länderübergreifend zusammenarbeiten können.“

Was verbirgt sich hinter der „Telemedizin“?

Aelteres Ehepaar auf dem Sofa mit einem Tablet in der Hand
Die telemedizinisch betreuten Patienten erhielten vier Messgeräte: ein Elektrokardiogramm (EKG) mit Fingerclip zur Messung der Sauerstoffsättigung, ein Blutdruckmessgerät, eine Waage sowie ein Tablet zur Selbsteinschätzung des Gesundheitszustands. Über das Tablet wurden die Werte automatisch an das Zentrum für kardiovaskuläre Telemedizin der Charité übertragen. Ärzte und Pflegekräfte bewerteten die übertragenen Messwerte 24 Stunden täglich an 7 Tagen in der Woche. Bei einer Verschlechterung der Werte veränderten sie beispielsweise die Medikation, gaben Empfehlungen für einen ambulanten Arztbesuch oder eine Krankenhauseinweisung.

Dazu erläuterte Prof. Dr. Friedrich Köhler, Studienleiter Fontane der Charité: „Die Studienergebnisse zeigen erstmals, dass Telemedizin bei Hochrisikopatienten mit Herzschwäche zu einer Lebensverlängerung und zu weniger Krankenhausaufenthalten führt. Für den Erfolg war auch entscheidend, dass wir eine sehr einfache Technik eingesetzt haben, die für die Patienten auch alltagspraktikabel war. Darüber hinaus haben wir Pflegefachkräfte direkt zu den Patienten geschickt, die sie im Umgang mit den Geräten geschult und alle vier Wochen strukturierte Telefongespräche mit ihnen geführt haben. Der persönliche Kontakt und die enge Betreuung haben viele Patienten auch offener gegenüber der Technik und der Telemedizin werden lassen und sie motiviert, es auszuprobieren. Eine nächste wichtige Aufgabe besteht nun darin, ein Alltagsmodell zu entwickeln, um ein Vielfaches der Patientenzahl der Studie zu versorgen.“

Mehr zu dieser Studie, die von verschiedenen Partnern aus Politik, Industrie, Forschung und zwei großen Krankenkassen unterstützt wurde, erfahren Sie hier.

Studienergebnisse können Telemedizin den Weg ebnen

Nach heißen Diskussionen, aber schließlich mit großer Mehrheit wurde auf dem 121. Deutschen Ärztetag vom 8. bis 11. Mai 2018 in Erfurt das Fernbehandlungsverbot gekippt. Damit ist die Vision der Telemedizin, von der Patienten und Ärzte gleichermaßen profitieren können, ein Stück realer geworden. Beispielsweise sind es insbesondere die dringlichen Probleme einer zufriedenstellenden Ärztversorgung auf dem Lande, die mit telemedizinischer Unterstützung leichter zu lösen wären. Telemedizin kann zur Festigung neuer Vesorgungsmodelle und -strukturen beitragen, wie sie auf dem HARTMANN Zukunftsforum 2018 diskutiert und gefordert wurden. „Krank auf dem Land“ müsste dann in Zukunft nicht riskanter sein als „krank in städtischen Regionen“, weil Telemedizin strukturelle Defizite ausgleichen kann, wie die Fontane-Studie aufzeigte.

Quelle: Bundesministrium für Bildung und Forschung, Pressemitteilung: 073/2018