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Händehygiene – eine Frage der Zeit?

Zeitmangel und Stress sind laut „AKTION Saubere Hände“ die am häufigsten genannten Barrieren für eine indikationsgerechte Händedesinfektion [1]. Stahmeyer und Kollegen untersuchten auf zwei Intensivstationen, wie viel Zeit eine 100-prozentige Händehygiene-Compliance beanspruchen würde [2]. Ihr Fazit: 20 % der Arbeitszeit pro Schicht. Tatsächlich verwendeten die Mitarbeiter in der Studie lediglich im Schnitt 2,3 % ihrer Zeit auf die Händehygiene.

von der HARTMANN Online-Redaktion 11.09.2018

In Deutschland erkranken 5,1 % aller Patienten in Akutkrankenhäusern an einer nosokomialen Infektion, auf Intensivstationen ist das Risiko mit einer Prävalenz von 18,6 % ungleich höher [2]. Dass die hygienische Händedesinfektion die wichtigste Einzelmaßnahme im Kampf gegen Infektionen ist, gilt inzwischen fast schon als gesetzt. Von der optimalen Umsetzung sind Gesundheitseinrichtungen weltweit aber noch Meilen entfernt. Auch die aktuelle Studie von Stahmeyer und Kollegen auf zwei Intensivstationen ergab lediglich eine durchschnittliche Compliance bei der Händehygiene von 42,6 % [2].

Pflegepersonal deutlich mehr gefordert

Auf den untersuchten internistischen Stationen musste sich das Pflegepersonal nach dem 5 Momente-Modell der WHO etwa dreimal so häufig die Hände desinfizieren wie das ärztliche Personal. Klassische Pflegetätigkeiten wie Wundverbandwechsel, Medikamentengabe, Kontrolle des Katheters, Waschen des Patienten etc. beanspruchten  pro Schicht einen Zeitaufwand zwischen 5 Std. 50 Min und 7 Std 49 Min [2]. Vor dem Hintergrund dieser zeitintensiven Tätigkeiten wird von verschiedenen Seiten infrage gestellt, dass ein adäquates Händehygieneverhalten überhaupt möglich ist [3]. Tatsächlich werden Arbeitsbelastung und Zeitmangel häufig als Gründe für eine niedrige Compliance genannt. Wenig bekannt ist jedoch, wie viel Zeit tatsächlich für eine adäquate Händehygiene aufgewendet werden müsste.  

Stahmeyer und Kollegen gingen dieser Frage an der Medizinischen Hochschule Hannover auf den Grund und führten auf einer internistischen und einer chirurgischen Station über 12 Tage lang eine Beobachtungsstudie durch.  

Endpunkte der Studie waren die jeweilige Anzahl der Händehygiene-Gelegenheiten und die Zeit, die für die Händedesinfektion tatsächlich aufgewendet wurde. Die Beobachtungen basierten auf dem 5 Momente-Modell der WHO und wurden von in der direkten Beobachtung trainierten Hygienespezialisten durchgeführt.

Über 30 % der Händedesinfektionen nachts

Unter Berücksichtigung der Nachtschicht, gingen Stahmeyer und Kollegen von 218 Händehygiene-Gelegenheiten auf der internistischen und 271 Händehygiene-Gelegenheiten auf der chirurgischen Station pro Patiententag aus. Die Tagesdaten wurden beobachtet, die Daten zur Nachtschicht extrapoliert – so zeigte eine andere Studie, dass auf internistischen Intensivstationen 38,1 % und auf chirurgischen Intensivstationen 32,5 % aller Händehygiene-Gelegenheiten pro Patiententag während der Nachtschicht auftreten.

Eine 100-prozentige Compliance vorausgesetzt (alle 5 Momente erfüllt, keine überflüssigen Händedesinfektionen, 30 Sek. Einwirkzeit), müssten Pflegekräfte der Studie zufolge auf der internistischen Intensivstation 94,9 Min. und auf der chirurgischen Intensivstation 103,9 Min pro Patiententag für die Händehygiene aufwenden. Tatsächlich entfielen auf der internistischen Intensivstation 11,1 Min. und auf der chirurgischen Intensivstation 12,1 Min. der Arbeitszeit der Pflegekräfte pro Patiententag auf die Händedesinfektion. Geradezu alarmierend war die durchschnittliche Einwirkzeit der hygienischen Händedesinfektion: Lediglich 7,6 Sek. lang wurden die Hände mit dem Hände-Desinfektionsmittel eingerieben.

Die Aussagekraft der Studie ist nach eigenen Angaben der Autoren durch verschiedene Faktoren wie z. B. Single-Center-Studie, geringe Anzahl der einbezogenen Stationen (zwei von zehn), geringe Anzahl der Patienten (14 Patienten) limitiert. Fest steht jedoch, dass die Compliance mit den Vorgaben zur Händehygiene zeitaufwändig ist. Zeit, die den Autoren zufolge in der Personalplanung berücksichtigt werden sollte.

Händehygiene-Gelegenheiten und Compliance auf Intensivstationen*

Diagramm Händehygiene-Gelegenheiten und Compliance auf Intensivstationen

Zeitfaktor Händehygiene – die Key Facts

  • 1 ½ Stunden für die Händehygiene müssten pro Patiententag auf Intensivstationen eingeplant werden
  • Das Pflegepersonal muss sich dreimal so häufig die Hände desinfizieren wie das ärztliche Personal
  • Im Schnitt fallen 35 % aller Händedesinfektionen in der Nacht an
  • Zwischen 6 und 8 Std. verbringen Pflegekräfte pro Schicht mit patientenbezogenen Tätigkeiten

Quellen
1. Bunte-Schönberger K, Reichardt C, van der Linden P.  100 Fragen zur hygienischen Händedesinfektion: Infektionen vermeiden. Patientensicherheit erhöhen. Qualität verbessern. Brigitte Kunz Verlag - Pflege Leicht in Kooperation   mit der nationalen Kampagne „AKTION Saubere Hände“, Verlag    Schlütersche, 2015.
2. Stahmeyer JT et al. Hand hygiene in intensive care units: a matter of time? Journal of Hospital Infection 2017; 95: 338-343.
3. Pressemitteilung ver.di Landesbezirk Rheinland-Pfalz-Saarland vom 12.09. 2017. „Abbruch des Aktionstags „Händedesinfektion“ im Saarland und in Rheinland-Pfalz“. https://rps.verdi.de/presse/pressemitteilungen/++co++6f885556-97a4-11e7-ab9a-525400423e78. Letzter Zugriff 23.02. 2018.